Gastkommentar

Auch Bücher haben ein Ablaufdatum, nur gute Literatur hält sich ewig

Martin R. Dean: «Romane und Gedichte haben eine untergründige und geheimnisvolle Art, sich mit der Zeit zu verbinden.» (Symbolbild)

Martin R. Dean: «Romane und Gedichte haben eine untergründige und geheimnisvolle Art, sich mit der Zeit zu verbinden.» (Symbolbild)

Der Schriftsteller Martin R. Dean denkt darüber nach, wann ein Buch in die Brockenstube gehört. Was bedeutet das für seine eigenen Bücher?

Vor genau zwanzig Jahren wurde das Literaturhaus Basel gegründet, angestossen von einer Gruppe von Basler Schreibenden. Sie wünschten sich eine Stätte, von der aus die Literatur in die Breite wirken und eine grössere Leserschaft finden könnte. In der Zwischenzeit sortieren immer mehr Freunde ihre Hausbibliotheken aus, als hätten die Bücher ein Ablaufdatum überschritten.

Aber wie entscheiden sie, welche Bücher den Gang ins Brockenhaus anzutreten haben und welche bleiben dürfen? Haben Bücher tatsächlich ein Verfallsdatum? Und welche Bücher werden noch einmal gelesen, welche sind sogar in fünfzig oder hundert Jahren noch relevant?

Die Erfahrung sagt, dass es kaum die Bestseller sind, die bleiben. Goethe stand mit den Verkaufszahlen seines «Werther» tief im Schatten seines Schwagers Vulpius, dessen «Rinaldo Rinaldini» das war, was man heute einen «Selbstläufer» nennt. Was aber macht die Lektüre des «Werther» noch heute lohnend, das besondere Thema oder seine bestimmte Form? Oder die Art, wie Goethe die Welt und die Menschen darstellt? Wie kommen ein Buch und seine Zeit zusammen?

Wer hier eine einfache Antwort erwartet, muss enttäuscht werden, denn Romane und Gedichte haben eine untergründige und geheimnisvolle Art, sich mit der Zeit zu verbinden. Ein Buch spiegelt nicht nur seine Zeit, sondern es greift, wie ein Wurzelwerk, in die Tiefenstruktur seiner Epoche aus. Damit ein Roman als relevant erlebt wird, muss sich eine Zeit oder ein Publikum darin erkennen. Aber nachhaltig ist es erst, wenn es uns der gewohnten Sichtweise entfremdet. Deswegen sind Kafkas Erzählungen noch immer aktuell. Kafka ist weit mehr als eine «Mode», seine Sichtweise der Welt ist noch immer verstörend.

Mir geht es so, dass ich besonders «zeitgeistige» Bücher heute kaum noch zur Hand nehme. Unter den experimentellen Frühwerken von Peter Handke beispielsweise gibt es einige Texte, die mir nur noch historisch relevant erscheinen. Texte, die auf Biegen und Brechen modern sein wollen, altern schneller als andere. Andersherum: Warum ist das Werk von Heinrich von Kleist heute «moderner» als das vieler heutiger Zeitgenossen?

Ein Werk stellt seiner Zeit Fragen, in denen sie sich selber erkennt. Und es sind diese Fragen und nicht die Antworten, die es wichtig machen. Dorothee Elmiger zum Beispiel öffnet mit ihren neuen Kurztexten den Blick für die Abgründigkeit der Realität und webt vieles, das sonst unverbunden bliebe, neu zusammen. Aber es bleibt ein Rest Unbewältigbares, und das macht das Buch über sein Erscheinen hinaus haltbar. Auch mit den Figuren in Philipp Roths Romanen, die uns ins jüdischen Newark des zwanzigsten Jahrhunderts führen, ist man nach der Lektüre nicht fertig. Ebenso wenig mit dem Leiden von Flauberts Madame Bovary, ohne das wir keine Ahnung davon hätten, wie sich Gefühle und Leidenschaften im neunzehnten Jahrhundert in einem französischen Provinzkaff anfühlten. Lesen heisst auch, sich mit etwas Grösserem konfrontieren, an dem wir sonst in unserem kleinteiligen Leben vorbeigehen. Denn Literatur ist immer eine Beunruhigung, weil sie Verdrängtes heraufholt, Unerhörtes beschwört und Unverstandenes ins Licht rückt. Wenn Bücher keine Zumutung mehr sind, darf man sie getrost als Staubfänger entsorgen.

Aber es gibt auch Bücher, die sind wie ein stilles Teelicht in der Seele. Bevor man sie entsorgt, muss man fragen, ob eine erneute Lektüre nicht ganz neue Aspekte zutage fördern würde. Auch bei meinen eigenen Büchern würde ich unterschiedliche Dringlichkeiten setzen. Mitte zwanzig begann ich mit dem Schreiben als Selbstbefragung. Daraus wurde mit den Jahren ein Gespräch mit der Leserschaft. Würde ich heute meine eigenen Bücher hervornehmen, würde ich gerade meinen Erstling «Die verborgenen Gärten» (1982) zu den unverzichtbaren Büchern zählen. Es ist der am wenigsten dem Zeitgeist verhaftete Roman und auch nicht der mit der breitesten Leserschaft. Aber seine Grundfrage, unser Verhältnis zur Natur, ist bis heute nicht beantwortet.

Meistgesehen

Artboard 1