Landwirtschaft

Agrarforschung und die Umwelt

Bernard Lehmann: «Der verstärkte Fokus auf Umweltthemen veränderte die Agrarforschung weltweit immer mehr zu einer Agrarumweltforschung.» (Symbolbild)

Bernard Lehmann: «Der verstärkte Fokus auf Umweltthemen veränderte die Agrarforschung weltweit immer mehr zu einer Agrarumweltforschung.» (Symbolbild)

In seinem Gastkommentar schreibt Bernard Lehmann, Direktor des Bundesamts für Landwirtschaft (BLW), über die Debatte um die künftige Ausrichtung der Landwirtschaftsforschung.

Die aktuelle Herausforderung, die eine globale und lokal nachhaltige Ernährungssicherheit mit sich bringt, ist riesig. Doch zuerst ein Blick zurück: Die Agrarforschung hat sich weltweit in den letzten 100 Jahren thematisch stark weiterentwickelt.

War sie vor 50 bis 60 Jahren Teil der grünen Revolution mit Düngung oder Pflanzenzucht als dominanten Themen, ist sie heute die treibende Kraft für eine nachhaltige Nahrungsmittelproduktion. Ein wichtiges Merkmal der Agrarforschung ist auch, dass es dazu schon immer mehrere Disziplinen brauchte: Umwelt-, Nachhaltigkeits- und Technologieforschung trieben die Agrarforschung in den letzten Jahrzehnten vorwärts.

In den letzten 30 Jahren musste sich die Agrarforschung mit den Konsequenzen ihres Erfolges aus der grünes Revolution befassen. Es galt, Gegensteuer zu geben – dies in einer Zeit der intensiven Agrarproduktion mit Produktionsüberschüssen; hinzu kamen sichtbare ökologische Probleme, verursacht durch den hohen Einsatz von Dünger oder Pflanzenschutzmitteln.

Der verstärkte Fokus auf Umweltthemen veränderte die Agrarforschung weltweit immer mehr zu einer Agrarumweltforschung. Dies brachte der Landwirtschaft zwar eine verbesserte gesellschaftliche Akzeptanz, führte in der produzierenden Landwirtschaft jedoch auch zu mehr Kritik.

Vor knapp 20 Jahren kam es dann auf den globalen Agrarmärkten und bei Angebot und Nachfrage zu einer Trendumkehr. Seit dem Beginn der 2000er-Jahre stieg die Nachfrage tendenziell leicht stärker als das Angebot und der Worldfood Price Index um 75 Prozent – für die Verbraucherinnen und Verbraucher der armen Länder eine enorme Verteuerung. Prognosen bis ins Jahr 2050 zeigen, dass dieser Trend anhalten könnte. Dies stellt die Agrarforschung vor eine ganz spezielle Herausforderung, nämlich jene der nachhaltigen Ernährungssicherheit.

Tatsache ist, dass mit dem heutigen Stand der Technik die Produktion des notwendigen Mehrangebots an Nahrungsmitteln grössere Umweltschäden verursachen würde und noch weniger ökologisch nachhaltig als die heutige wäre.

Auch eine Agrarforschung, die das Gewicht einseitig auf die Produktivitätsverbesserung legen würde, wäre fehl am Platz. Die wichtigste Aufgabe der Forschung ist, Wissensgrenzen zu erweitern. Für die Agrarforschung bedeutet dies, Fortschritte in der Produktivität kombiniert mit Fortschritten im ökologischen Fussabdruck zu erzielen – ein hochkomplexes Ziel.

In Zukunft wird es immer weniger möglich sein, dass ein Land alleine Lösungen erarbeitet.
Das Synergiepotenzial, international vernetzt Erkenntniswissen für eine nachhaltig produzierende Land- und Ernährungswirtschaft zu generieren, ist enorm. Die bundesrätlichen Reise in die Mercosur-Staaten zeigte, dass die Agrarforschung in Südamerika vor ähnlichen Herausforderungen steht wie in Europa und der Schweiz.

Es geht letztendlich bei uns allen um eine Nahrungsmittelproduktion, die die Ressourcen nicht übernutzt und die Funktionen der umliegenden Ökosysteme nicht beeinträchtigt. Die nationale Agrarforschung kann daher nur gewinnen, wenn sie international vernetzt ist.

Sich zu vernetzen, ist auch in der Forschungswelt ein Geben und Nehmen unter gegenseitig anerkannten Partnern. Nur von den anderen profitieren, geht nicht, der echte Nutzen entsteht im Austausch. Bereits heute arbeitet die Schweizer Agrarforschung mit internationalen Forschergruppen zusammen. Zusammen arbeitende Forschende sind der beste Garant für das Vermeiden von teuren Doppelspurigkeiten.

Am 9. März informierte der Bundesrat über seine Absicht, Agroscope neu zu positionieren. Der Plan beinhaltet zwei Komponenten: Zum einen ist ein Hauptquartier mit den nicht standortgebundenen Forschenden aufzubauen. Dazu sind regionale Antennen für den Bezug zu lokalen landwirtschaftlichen Gegebenheiten einzurichten.

Zum andern ist das Aufgabenportfolio im Licht der eigenen Kompetenzen sowie der nationalen und auch internationalen Arbeitsteilung zu profilieren. Diese Neupositionierung ist nötig, damit Agroscope als grösstes Schweizer Kompetenzzentrum für die Forschung in der Land- und Ernährungswirtschaft sowie im Umweltbereich nicht nur im Inland an Effizienz gewinnt, sondern auch für Forschungskooperationen mit dem Ausland attraktiv bleibt.

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