USA
Trump hat die Republikaner im Sack? Von wegen! Wie es einem rechten Parteifreund gelang, den Ex-Präsidenten ins Leere laufen zu lassen

Donald Trump beschimpft ihn als den schlechtesten Gouverneur im ganzen Land. Und dennoch wird sein republikanischer Parteifreund Brian Kemp die Vorwahlen in Georgia gewinnen. Wie ist das möglich?

Renzo Ruf, Jefferson (Georgia)
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Wahlkampf in Georgia: Gouverneur Brian Kemp wird in den Vorwahlen am Dienstag von einem republikanischen Parteifreund herausgefordert, der die Unterstützung von Ex-Präsident Donald Trump geniesst.

Wahlkampf in Georgia: Gouverneur Brian Kemp wird in den Vorwahlen am Dienstag von einem republikanischen Parteifreund herausgefordert, der die Unterstützung von Ex-Präsident Donald Trump geniesst.

Erik S. Lesser / EPA

Emory Dunahoo macht aus seinem Herzen keine Mördergrube. Auf der Visitenkarte des republikanischen Lokalpolitikers ist zu lesen: «God fearin', gun tontin', Georgia lovin'» – was sich mit «gottesfürchtig, bewaffnet» und verliebt in seinem Heimatstaat Georgia übersetzen lässt, regionaler Akzent inklusive. Es ist deshalb nicht weiter erstaunlich, dass Dunahoo ein Fan von Donald Trump ist. «Ich wünschte mir, dass er immer noch unser Präsident wäre», sagt der volkstümliche Abgeordnete im Gespräch.

Selbst ein Mann wie Dunahoo mag aber dem abgewählten Präsidenten nicht mehr blind folgen. Deshalb unterstützt der 64-Jährige in der republikanischen Vorwahl am Dienstag den amtierenden Gouverneur Brian Kemp – einer der Männer also, die Trump immer noch für seine Niederlage in der epischen Präsidentenwahl 2020 verantwortlich macht und als Verräter beschimpft.

Angesprochen auf diesen Widerspruch sagt Dunahoo: Nach seiner Niederlage habe Trump den Bogen überspannt, als er geradezu verzweifelt versuchte, Joe Bidens Wahlsieg umzustossen. Der damalige Präsident wollte die Stimmenauszählung in Georgia kontrollieren. Im föderalistisch organisierten Amerika sei dies aber «nicht sein Job» gewesen. Und weil Kemp nichts falsch gemacht habe, sagt der republikanische Abgeordnete, sehe er nun keinen Grund, den Gouverneur fallenzulassen.

Applaus für Positionsbezug gegen Transsexuelle

So wie Dunahoo denken viele Stammwähler der Republikaner. Kemp besitzt gemäss Meinungsumfragen im Duell mit dem von Trump rekrutierten Gegenkandidaten David Perdue die besseren Karten – auch weil die Kampagne, die sein Kontrahent führt, alles andere als dynamisch wirkt. Der Gouverneur will sich allerdings nicht auf seinen angeblichen Lorbeeren ausruhen. Er nutzt den Wahlkampf vielmehr dazu, um den Menschen in Georgia zu verdeutlichen, wie erfolgreich seine erste Amtszeit ausgefallen sei.

Während eines Wahlkampf-Stopps in Jefferson, einer Provinzstadt eine Stunde von der Millionen-Metropole Atlanta entfernt, spricht er über den Kampf gegen politische Korrektheit, Steuersenkungen, die Liberalisierung der bereits freizügigen Waffengesetze und neue, strenge Abtreibungsvorschriften. Den stärksten Applaus erhält Kemp, als er von seinen erfolgreichen Bemühungen spricht, transsexuelle Schüler davon abzuhalten, sich an sportlichen Wettkämpfen für Mädchen zu beteiligen – ein Brennpunkt im ständig schwelenden amerikanischen Kulturkampf.

Doug Ducey (rechts) im Gespräch mit einem Wähler in Georgia.

Doug Ducey (rechts) im Gespräch mit einem Wähler in Georgia.

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Kemp – kariertes Hemd, fester Händedruck, gequältes Lächeln – ist also alles andere als ein Konsenspolitiker. Er ist ein Rechtsausleger, der viele Positionsbezüge Trumps teilt, auch wenn er den Namen des ehemaligen Präsidenten während seiner öffentlichen Auftritte nur selten in den Mund nimmt. Trump sei wütend auf ihn, obwohl er nie böse Dinge über den Ex-Präsidenten gesagt habe. Kemp: «Ich kann das nicht kontrollieren.»

Hoffen auf das Ende des Personenkults

Und dennoch umgibt sich Kemp (notgedrungen) mit Politikern, die auf ein baldiges Ende des republikanischen Personenkults um Trump hoffen. Die Vorwahl dient dem politischen Establishment als Wasserstandsmeldung, um herauszufinden, wie stark sich die Partei immer noch unter der Knute des Ex-Präsidenten befinde. Und Kemp ist, zusammen mit politischen Verbündeten wie Brad Raffensperger, eine Art Aushängeschild des Anti-Trump-Flügels. Eine ganze Reihe ehrgeiziger Politiker aus der zweiten Reihe der Republikaner ist deshalb nach Georgia gereist, um den Gouverneur öffentlich zu unterstützen.

Mike Pence zum Beispiel, ehemaliger Stellvertreter von Trump. Der Ex-Vizepräsident machte am Montag Wahlkampf für Kemp. Oder Doug Ducey, Gouverneur aus Arizona. Am Rande eines Auftrittes mit Kemp sagt der 58-Jährige, dem auch schon Ambitionen auf das Weisse Haus nachgesagt wurden: «Brian Kemp verdient es, wiedergewählt zu werden», sei der Gouverneur doch ein höchst erfolgreicher Politiker.

Dass Trump da anderer Meinung ist, daran stört sich der einflussreiche Gouverneur nicht. «Jeder Mensch darf eine Meinung haben», sagt Ducey im Gespräch mit CH Media – wobei ungesagt bleibt, dass Trump auch den Gouverneur von Arizona beschuldigte, ihn nach der Präsidentenwahl 2020 in Arizona nicht ausreichend unterstützt zu haben.

Kemp wiederum versucht, möglichst wenig über die Wahlen 2020 zu sprechen. Auch will er nichts davon wissen, dass die konservativen Politiker, die er im Vorwahlkampf um sich schart, den Kern eines neuen Anti-Trump-Flügels bilden. «Es geht hier um Georgia», sagt Kemp während einer kurzen Pressekonferenz in Marietta, und darum, dass seine Partei nun zusammenstehe, um im November die demokratische Kontrahentin Stacey Abrams zu besiegen. Diese Aussage mag aus seiner Sicht zutreffen. Für Trump aber geht es in Georgia um mehr.