TODESFALL
«Ciao David» – führende Politiker trauern um EU-Parlamentspräsident Sassoli: «Ein grosser Europäer und stolzer Italiener»

Der Italiener verstarb an den Folgen einer Lungenentzündung. Nachfolgerin an der Spitze des EU-Parlaments dürfte die 42-jährige Malteserin Roberta Metsola werden.

Remo Hess, Brüssel
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Wurde 65 Jahre alt: EU-Parlamentspräsident David Sassoli.

Wurde 65 Jahre alt: EU-Parlamentspräsident David Sassoli.

Keystone

«Ciao David, lebenslanger Freund» - mit diesen Worten nahm Italiens Kulturminister Dario Franceschini Abschied von David Sassoli, dem Präsidenten des EU-Parlaments, der in der Nacht auf Dienstag in einer italienischen Klinik im Alter von 65 Jahren verstorben ist.

Sassoli wurde bereits am 26. Dezember wegen einer «schweren Funktionsstörung des Immunsystems» hospitalisiert, wie sein Sprecher mitteilte. Im September erkrankte Sassoli an einer durch Legionellen verursachte Lungenentzündung. Nachdem er nach Italien zurückgekehrt war, um sich zu erholen, erlitt er einen Rückfall.

Zahlreiche europäische Politiker bekundeten ihre Trauer, darunter der deutsche Bundeskanzler Olaf Scholz. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen schrieb auf Twitter: «Ich bin zutiefst betrübt über den schrecklichen Verlust eines grossen Europäers und stolzen Italieners», . «David Sassoli war ein einfühlsamer Journalist, ein hervorragender Präsident des Europäischen Parlaments und in erster Linie ein guter Freund», so von der Leyen.

Der Politiker des sozialdemokratischen «Partito Democratico» hatte sein Amt an der Spitze des EU-Parlaments seit 2019 inne. Sein Mandat war geprägt von der Corona-Pandemie und wäre in wenigen Tagen zu Ende gegangen. In seiner Weihnachtsbotschaft vom 21. Dezember sprach sich Sassoli noch für eine humane Migrationspolitik und ein solidarisches Europa aus.

TV-Star und Aushängeschild des Senders Rai 1

Seine Karriere startete der gebürtige Florentiner in den 1980er Jahren als Journalist, zuerst bei italienischen Tageszeitungen, bevor er zum Sprung auf den Bildschirm ansetzte und als Moderator der Hauptnachrichtensendung des öffentlich-rechtlichen Senders Rai 1 landesweite Berühmtheit erlangte. Im Jahr 2009 wechselte er vom Journalismus in die Politik und wurde in das EU-Parlament gewählt. Sassoli galt als parteiübergreifend respektierter Politiker, der sich für eine bürgernahe Politik und eine starke Stellung des EU-Parlaments und im Gefüge der EU-Institutionen einsetzte.

Abtreibungsgegnerin: Die maltesische EU-Abgeordnete Roberta Metsola dürfte neue Präsidentin des EU-Parlaments werden.

Abtreibungsgegnerin: Die maltesische EU-Abgeordnete Roberta Metsola dürfte neue Präsidentin des EU-Parlaments werden.

Thierry Monasse / Getty Images Europe

Als Nachfolgerin dürfte kommende Woche die maltesische EU-Abgeordnete Roberta Metsola gewählt werden. Die 42-jährige Politikerin gehört der Fraktion der christdemokratischen europäischen Volkspartei (EVP) an und wurde 2013 erstmals ins EU-Parlament gewählt. Sie engagierte sich als Mitglied des Rechtsausschusses vor allem in der Migrationspolitik und prägte die Reform der Frontex-Grenzschutzagentur sowie die Debatte über die Rechtsstaatlichkeit. Metsola gilt als Kompromisskandidatin und von den anderen Fraktionen weitgehend als akzeptiert.

Für Kontroversen sorgt einzig ihre konservative Haltung in Sachen Abtreibung. Obwohl sie sich für die Rechte von LGBTQ-Menschen einsetzt und generell als eher progressive Christdemokratin gilt, ist sie überzeugte Abtreibungsgegnerin. Im katholischen Malta ist sie damit nicht allein: Auf der Mittelmeerinsel gilt das europaweit strengste Abtreibungsgesetz. Schwangerschaftsabbrüche bleiben bis heute grundsätzlich verboten und können mit einer Haftstrafe von bis zu drei Jahren geahndet werden.

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