Massenentführung
Terroristen entführen wieder hunderte Kinder: Das Drama der Boko-Haram-Mädchen hat in Nigeria nichts verändert

In Nigeria haben bewaffnete Banden eine Schule überfallen – nicht zum ersten Mal. 2014 hatte eine ähnliche Schandtat sogar First Lady Michelle Obama auf den Plan gerufen – ohne Erfolg.

Markus Schönherr aus Johannesburg
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Banges Warten: Väter der entführten Knaben harren vor der Schule in Kankara aus.

Banges Warten: Väter der entführten Knaben harren vor der Schule in Kankara aus.

Keystone

CH Media

Die Verbrecher tauchten am Freitag kurz vor 22 Uhr vor der Schule in Kankara auf. Mehr als 100 Männer rasten auf ihren Motorrädern um die Gebäude und schossen mit ihren Kalaschnikows in die Luft. Schüler rannten auseinander, Chaos brach aus. Jetzt, drei Tage später, sind mehr als 300 Kinder wie vom Erdboden verschluckt, entführt von unbekannten Verbrechern – sehr wahrscheinlich Kämpfer der islamistischen Terrororganisation «Boko Haram» (übersetzt «Westliche Bildung ist Sünde»), die den Norden Nigerias seit einem Jahrzehnt fest im Griff haben.

Nigerias Präsident Muhammadu Buhari, ein Ex-General, wurde 2015 mit dem Versprechen ins Amt gewählt, dass er dem Terror der Islamisten ein Ende setzen würde. Doch weiterhin sind hunderttausende Menschen den Terroristen hilflos ausgeliefert. Ende November schnitten Boko-Haram-Schergen unweit der jüngsten Attacke 79 Bauern die Kehle durch, weil sie mit lokalen Polizeibehörden kooperiert hatten.

Der Wald mit den Entführern ist umstellt

Rund die Hälfte der 2014 entführten Mädchen sind inzwischen freigekommen. Viele wurden von ihren Entführern vergewaltigt.

Rund die Hälfte der 2014 entführten Mädchen sind inzwischen freigekommen. Viele wurden von ihren Entführern vergewaltigt.

Keystone

Schon vor sechs Jahren, im April 2014, machten die Terrororganisation mit der Entführung von mehr als 200 Mädchen aus einer Schule in der nordnigerianischen Stadt Chibok weltweit Schlagzeilen. Sogar die damalige First Lady Michelle Obama beteiligte sich an der #bringbackourgirls-Kampagne. Nigerias Regierung verhandelte mit den Terroristen, über 100 der Mädchen – viele vergewaltigt und geschändet – konnten freigekauft werden. Einige konnten fliehen. Etliche wurden als Selbstmordattentäterinnen ausgebildet. Mehrere dutzend der Chibok-Mädchen gelten bis heute als vermisst.

First Lady Michelle Obama beteiligte sich 2014 an der #bringbackourgirls-Kampagne.

First Lady Michelle Obama beteiligte sich 2014 an der #bringbackourgirls-Kampagne.

Twitter

Entsprechend gross ist die Entrüstung über die jüngste Massenentführung in Afrikas bevölkerungsreichstem Land (196 Millionen Einwohner). Bereits am Sonntag brachen in der Region Proteste aus. «Wir wollen unsere Kinder zurück» und «Wir brauchen Sicherheit» stand auf den Transparenten, mit denen wütende Bürger durch Kankara zogen.

«Wir werden diese kriminellen Elemente, diese Banditen, vernichten», wetterte derweil der Sprecher des Präsidenten. Der Wald, in dem sich die Entführer verschanzt haben sollen, sei von der Armee bereits umstellt. Bewohner berichteten zu Wochenbeginn von Schusswechseln. Unklar ist nach wie vor, wie viele der knapp 840 Schüler sich tatsächlich in den Händen der Angreifer befinden. Aminu Masari, der Gouverneur der betroffenen Region Katsina, sprach von 333. Aktivisten berichten hingegen von mehr als 600 vermissten Jungen.

Hat sein Versprechen nicht gehalten: Nigerias Präsident Muhammadu Buhari.

Hat sein Versprechen nicht gehalten: Nigerias Präsident Muhammadu Buhari.

Keystone

Das Informationsvakuum füllen mit voranschreitender Stunde der Zorn und der Widerstand der Bewohner, wie die lokale Zeitung «The Punch» berichtet: «Viele meinen, Buhari habe versagt, und sind schockiert über die Tatsache, dass der Präsident die Schule bisher nicht besucht hat, obwohl er gerade eine Woche lang in Katsina Urlaub macht.» Statt die zweistündige Autofahrt auf sich zu nehmen, schickte der Präsident seinen Sicherheitsberater. Manche Kommentatoren forderten daraufhin seinen Rücktritt.

Propaganda-Aktion im Kinosaal

Schon länger herrscht Unzufriedenheit über Buharis augenscheinliche Ohnmacht, Nigerias Sicherheitsprobleme in den Griff zu kriegen. Die neuerliche Entführung sei eine «grimmige Erinnerung» an die verlorene Kindheit, die junge Bewohner in der Hochburg der Terroristen erlebten, sagte UNICEF-Regionaldirektorin Marie-Pierre Poirier.

Wie wenig die Regierung in Abuja tut, um das drängende Problem anzupacken, wurde jüngst auch in Nigerias Kinosälen sichtbar. Der nigerianische Spielfilm «The Milkmaid» («Die Melkerin», 2020) erzählt die Geschichte der Jugendlichen Aisha und ihrer Schwester Zainab. Bei einem Angriff auf ihr Dorf massakrieren Terroristen 49 Menschen und entführen die beiden Mädchen. Eine wird Kinderbraut, die andere von den Gotteskriegern so lange indoktriniert, bis sie selbst überzeugte Dschihadistin ist. Die staatlichen Zensoren kürzten den Spielfilm massiv. Man will verhindern, dass der Rest des Landes – geschweige denn die ganze Welt – von der traurigen Realität in Nigerias Norden erfährt.