Szenario
Kiew als direktes Ziel: So könnte ein Angriff Russlands auf die Ukraine aussehen

Jetzt rüstet sich auch Weissrussland für einen möglichen Krieg. Dem Land könnte bei einem Militärschlag eine Schlüsselrolle zukommen.

Paul Flückiger, Danzig
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Russischer Panzer in Weissrussland: Über das Nachbarland im Norden könnte Russland einen Angriff auf die Ukraine lancieren, meinen Militärexperten.

Russischer Panzer in Weissrussland: Über das Nachbarland im Norden könnte Russland einen Angriff auf die Ukraine lancieren, meinen Militärexperten.

AP

Bisher hat man mit wachsender Sorge die russische Armeekonzentration an der Ostgrenze zur Ukraine verfolgt. Nun zieht auch das nördlich der Ukraine gelegene Weissrussland mit seltsamen Truppenbewegungen nach – und nährt damit Spekulationen über einen möglichen Angriff auf das nahe Kiew. Die ukrainische Hauptstadt liegt weniger als 200 Kilometer südlich der Staatsgrenze.

Alexander Lukaschenko hat am Montag angekündigt, eine Brigade seines Heeres an die südliche Grenze mit der Ukraine zu entsenden. «Die Ukraine hat damit begonnen, Soldaten dahin zu verlegen», begründete der weissrussische Autokrat den Schritt. «Ich verstehe nicht weshalb sie das taten.» Noch ist unklar, wo diese bis zu 10'000 Soldaten stationiert werden sollen, denn Truppenstützpunkte gibt es im Süden des Landes ausser in Brest im Dreiländereck Polen-Ukraine-Weissrussland keine.

Lukaschenko mobilisiert 350'000 Reservisten

Laut Angaben von Insidern der Sicherheitsstrukturen Weissrusslands ist zudem eine Generalmobilmachung aller Reservisten per 1. Februar geplant. Betroffen von der Massnahme wären bis zu 350'000 Reservisten des weissrussischen Heeres.

Erst vor Wochenfrist hatte Machthaber Lukaschenko bereits für Februar ein gemeinsames weissrussisch-russisches Manöver angekündigt, das sich vor allem auf die knapp über 1000 Kilometer lange Grenze mit der Ukraine konzentrieren soll. Inzwischen ist klar, dass das Manöver vom 10. bis zum 20. Februar dauern soll.

Russisches Militär in Weissrussland gesichtet

Bereits sind in den letzten Tagen erste russische Kriegsmaterialtransporte in Weissrussland gesichtet worden. So hat die Gruppe «Conflict Intelligence Team» beim ostweissrussischen Städtchen Retschisa etwas westlich der Grossstadt Gomel, Güterzüge mit Dutzenden russischen Panzern fotografiert. Retschisa liegt knappe 50 Kilometer von der Staatsgrenze zur Ukraine; von dort sind es noch 200 Kilometer bis nach Kiew.

Laut dem amerikanischen Militärexperten Rob Lee ist ein russischer Vormarsch auf Kiew wahrscheinlicher als ein Angriff im Donbas. Lee weist auf russische Truppenbewegungen in die Umgebung von Smolensk und Briansk hin, Städte in der Nähe des Dreiländerecks Russland-Ukraine-Weissrussland. Ukrainische Militärstrategen haben bereits im Herbst auf mögliche Provokationen aus Weissrussland hingewiesen. Kiew hat daraufhin 10'000 Soldaten an die weitgehend ungesicherte Grenze zu Weissrussland verlegt.

Die weissrussische Armee gilt als veraltet und nur begrenzt schlagkräftig. Die Luftwaffe fliegt immer noch mit gut 30-jährigen Sowjet-Kampfjets. Zusammen mit Reservisten und Territorialtruppen stehen jedoch rund eine halbe Million Soldaten unter Waffen. Zudem könnte Lukaschenko Putin ein Feigenblatt bei einem Angriff auf die Ukraine anbieten. Ein letztlich abgebrochener Vorstoss auf Kiew könnte so durch logistisch unterstützte weissrussische Truppen erfolgen. Ähnlich wie bei den von Russland unterstützten pro-russischen Separatisten könnte Putin seine Hände reinwaschen und jegliche Beteiligung abstreiten.