Strassenschlachten
Gewalt in Spanien: Ein Rapper wird wegen Majestätsbeleidigung festgenommen - in der Nacht eskaliert die Lage

In mehreren Städten Spaniens haben Tausende Menschen gegen die Festnahme des Rappers Pablo Hasél wegen Beleidigung der Monarchie demonstriert. Nicht immer friedlich: Bei den Demos in Barcelona, Valencia und Palma de Mallorca kam es zu Zusammenstössen mit der Polizei. Mehrere Personen wurden verletzt.

Ralph Schulze aus Madrid
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Brennende Barrikaden in Barcelona: Nach der Festnahme eines Rappers eskaliert die Situation in der spanischen Metropole.

Brennende Barrikaden in Barcelona: Nach der Festnahme eines Rappers eskaliert die Situation in der spanischen Metropole.

Toni Albir / EPA

Brennende Barrikaden, verwüstete Geschäftsstrassen, ein Steinhagel gegen die Polizei: Die nordspanische Region Katalonien erlebte eine der schlimmsten Krawallnächte der letzten Jahre. Nicht nur in der Regionalhauptstadt Barcelona gingen Tausende junge Menschen auf die Strasse, um gegen die Festnahme und Verurteilung des katalanischen Rappers Pablo Hasél zu demonstrieren. Auch in zahlreichen anderen Städten Kataloniens wie etwa in Girona, Lleida, Reus oder Vic kam es zu Unruhen.

«Freiheit für Pablo Hasél», riefen mehrere Tausend Demonstranten, die in der Nacht zum Mittwoch durch Barcelona marschierten. Erst wurde friedlich protestiert, dann schlug die Kundgebung in Gewalt um.

Der verhaftete Rapper Pablo Hasél bei einer Pressekonferenz im Januar.

Der verhaftete Rapper Pablo Hasél bei einer Pressekonferenz im Januar.

Ramon Gabriel / EPA

Der 32-jährige Rapper mit dem Künstlernamen Hasél war am Vortag verhaftet worden, nachdem er sich geweigert hatte, eine neunmonatige Gefängnisstrafe wegen «Majestätsbeleidigung» und «Gewaltverherrlichung» anzutreten. Es war nicht die erste Verurteilung des Sängers, der seit Jahren mit provozierenden Texten die Obrigkeit herausfordert.

Rapper beharrt auf Kunstfreiheit

Seine angekündigte Festnahme Anfang der Woche nutzte er, um darauf aufmerksam zu machen, dass seine Verurteilung in seinen Augen ein Angriff auf die Künstlerfreiheit darstelle. Erst verbarrikadierte er sich mit Ketten in der Universität seiner Heimatstadt Lleida. Und als die Polizei anrückte, erklärte er herausfordernd: «Sie müssen hier einbrechen, wenn sie mich einsperren wollen.» Als ihn die Beamten schliesslich abführten, rief er kämpferisch und mit erhobener Faust: «Wir werden niemals den Mund halten.»

Auch in der katalanischen Stadt Lleida demonstrieren Tausende.

Auch in der katalanischen Stadt Lleida demonstrieren Tausende.

Ramón Gabriel / EPA

Die Festnahme Haséls, der mit bürgerlichem Namen Pablo Rivadulla Duró heißt, löste in Spanien eine heftige Debatte über die Grenzen der Meinungsfreiheit aus. Und über die sogenannten «Maulkorbgesetze», welche unter der früheren konservativen Regierung Mariano Rajoys (2011-2018) derart verschärft wurden, dass seitdem auch Künstler und Journalisten immer öfter auf der Anklagebank landen. Und zwar, weil sie angeblich staatliche Institutionen, Politiker oder auch die spanische Flagge beleidigt haben.

Hasél hatte es in seinen Raptexten und auch per Twitter gewagt, das Königshaus anzugreifen, das wegen Korruptions- und Betrugsverdacht des in Abu Dhabi untergetauchten Altkönigs Juan Carlos in Schieflage geraten ist. Der Rapper bezeichnete die Mitglieder des Königshauses als «Parasiten» und betitelte Juan Carlos als «Mafioso».

In seinen Songs verbreitete er aber auch schockierende Gewaltbotschaften über Spitzenpolitiker, denen er wegen mutmasslicher Untaten wünschte, «dass ihr Auto in die Luft fliegt» oder dass ihnen jemand «einen Schuss in den Nacken» jagt.

Amnesty International schaltet sich ein

Derartige Verbalattacken seien durch die Künstlerfreiheit gedeckt, befindet die Menschenrechtsorganisation Amnesty. Die Verurteilung des Rappers sei «unverhältnismässig». «Niemand sollte auf der Anklagebank landen, nur weil er etwas Skandalöses gesungen hat», sagt Spaniens Amnesty-Vorsitzender Esteban Beltrán.

200 prominente spanische Künstler, darunter Oscar-Filmregisseur Pedro Almodóvar, sehen dies ähnlich: «Mit dem Einsperren Haséls stellt sich Spanien auf eine Stufe mit Staaten wie die Türkei oder Marokko, wo ebenfalls Künstler im Gefängnis sitzen, weil sie staatlichen Missbrauch anklagen.»

Nicht der erste Fall

Es ist nicht das erste Mal, dass Spaniens Justiz hart gegen einen Rapper vorgeht. 2017 war ein anderer Künstler des rhythmischen Sprechgesangs ebenfalls wegen Königsbeleidigung und «Verherrlichung des Terrorismus» verurteilt worden.

Der mallorquinische Sänger Valtònyc wurde deswegen zu dreieinhalb Jahren Haft verdonnert. Der damals 24-jährige Künstler weigerte sich gleichfalls, seine Strafe anzutreten und flüchtete nach Belgien. Ein spanisches Auslieferungsgesuch wurde von der belgischen Justiz abgelehnt, weil die Valtònyc vorgeworfenen Handlungen in Belgien keinen Straftatbestand darstellten.

Aufgeschreckt durch die öffentliche Meinungsfreiheit-Debatte hat Spaniens heutige Regierung, die seit 2018 von dem Sozialisten Pedro Sánchez angeführt wird, eine Entschärfung der «Maulkorbgesetze» angekündigt. «Verbale Exzesse im Rahmen künstlerischer, kultureller oder intellektueller Aktionen» sollen künftig nicht mehr strafbar sein. Für Pablo Hasél kommt diese Reform zu spät. Deswegen kündigte Sánchez‘ linker Koalitionspartner Podemos (Wir können) an, dass man umgehend Haséls Begnadigung beantragen werde.