Deutschland
So verzweifelt ist die Kanzlerin: Corona bringt Merkel ans Limit ihrer Macht

Die Pandemie beschert Angela Merkel zum Schluss ihrer Kanzlerschaft nochmals höchste Beliebtheit. Doch diese Krise offenbart auch die Grenzen ihrer Möglichkeiten.

Christoph Reichmuth aus Berlin
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Ein letztes Flehen: Angela Merkel spürt den Machtverlust - und appelliert in der Coronakrise inzwischen an die Deutschen.

Ein letztes Flehen: Angela Merkel spürt den Machtverlust - und appelliert in der Coronakrise inzwischen an die Deutschen.

John Thys / Pool / EPA

Angela Merkel ist nicht gerade bekannt für besonders würzige Zitate und leidenschaftliche Reden. Am Mittwoch im Bundestag zeigte sich eine andere Bundeskanzlerin.

Eine, die ihre sachliche Linie für einen Moment verliess und zu einem emotionalen Appell ansetzte, um das Unheil mit vielen Toten und überbelegten Spitälern in diesem Coronawinter irgendwie doch noch abzuwenden. Es tue ihr ja auch «von Herzen leid», sagte sie mit Blick auf weitere Verschärfungen, für die sich die Kanzlerin starkmacht.

Ob die Emotionalität aus Merkel gewissermassen herausgebrochen ist oder ob sie sich ganz bewusst für die leidenschaftliche Rede entschieden hat, weiss nur Merkel selbst. Vermutlich sah die Kanzlerin kaum eine Alternative zu einer auf Gefühle setzenden Rede, weil das Repertoire an Appellen und Warnungen nach neun Monaten der Coronakrise erschöpft ist und viele Menschen der mahnenden Worte der Politiker überdrüssig geworden sind.

Deutschland steuert auf einen harten Lockdown zu

Während die Schweiz von der Pandemie in Relation zur Bevölkerung stärker getroffen ist als Deutschland, Cafés und Sportstätten aber noch immer offen hält und für den Betrieb ihrer Ski-Arenen kämpft, steuert das 83-Millionen-Land vermutlich noch vor, spätestens aber nach Weihnachten auf einen neuerlichen, zumindest regional verhängten harten Lockdown zu.

Bei der Bewertung der Pandemie ist Merkel - promovierte Physikerin - ganz die Naturwissenschafterin, die auf Grundlage wissenschaftlicher Fakten agiert und die Freiheit hat, nicht mehr um eine Wiederwahl kämpfen zu müssen. Merkel betrachtet die derzeitige Lage in Deutschland als höchst gefährlich.

Ungewohnt emotional: Bundeskanzlerin Angela Merkel spricht während der Generaldebatte zum Bundeshaushalt im Bundestag.

Ungewohnt emotional: Bundeskanzlerin Angela Merkel spricht während der Generaldebatte zum Bundeshaushalt im Bundestag.

Keystone

In der Bevölkerung breitet sich eine Coronamüdigkeit aus, nach sechs Wochen des Teil-Lockdowns gehen die Infektionen noch immer nicht nach unten. Und nun stehen die Weihnachtsfeiertage an, an denen die Menschen traditionell enger zusammenrücken. Hätte Merkel am Mittwoch im Bundestag in bekannt sachlicher Art auf härtere Massnahmen gedrängt, die Medien hätten sich mit ihrer Rede wohl kaum eingehender befasst, ihre Botschaft wäre kaum durchgedrungen.

Du weisst nicht, wo du landest

Ausgerechnet «die grösste Herausforderung seit dem Zweiten Weltkrieg», wie Merkel die Coronakrise bezeichnet hatte, beschert der CDU-Regierungschefin die besten Umfragewerte seit dem Jahr 2015. 74 Prozent der Deutschen sind laut einer repräsentativen Umfrage zufrieden mit Merkel, auch die von ihr angeführte Schwarz-Rote-Koalition aus Union und SPD erhält von zwei Dritteln eine gute Note.

Für die CDU keine besonders schöne Aussicht, muss sie doch die nächsten Bundestagswahlen im September 2021 ohne ihr Zugpferd Merkel angehen und weiss noch nicht mal, mit wem sie überhaupt in den Wahlkampf ziehen wird.

Merkel hat wie schon in früheren Jahren die höchste Zustimmung mitten in einer Krise. Die Tochter eines ostdeutschen Pastors hat sich in ihren 15 Regierungsjahren viel Autorität und Reputation erarbeitet, vor allem international, aber auch bei den Deutschen selbst. In schwierigen Phasen stellen sich die Menschen tendenziell ohnehin stärker hinter die Regierung, Merkel geniesst durch ihr stets sachliches Agieren zusätzlich einen Vertrauensbonus.

«Wenn man in ein Flugzeug steigt, das sie lenkt, muss man keine Angst haben. Sie ist technisch sehr gut, stürzt garantiert nicht ab», verglich der ehemalige SPD-Chef Franz Müntefering Angela Merkel einmal anerkennend mit einem Flugkapitän. Allerdings fügte er auch hinzu: «Das Problem ist: Du weisst nicht, wo du landest.»

Der ehemalige SPD-Chef Franz Müntefering sah Deutschland in sicheren (Angela Merkels) Händen. (Archivbild)

Der ehemalige SPD-Chef Franz Müntefering sah Deutschland in sicheren (Angela Merkels) Händen. (Archivbild)

Keystone

Merkel tut sich schwer mit dem Machtverlust

Wo Deutschland nach der Pandemie dereinst landen wird, ist tatsächlich ungewiss. Daraus Merkel einen Vorwurf zu machen, wäre indes unfair - die Pandemie ist für alle Staaten und ihre Regierungen gleich unberechenbar. Und doch tut sich Merkel schwer mit der Tatsache, dass ihr durch Corona die Grenzen ihrer Macht in einem Ausmass aufzeigt werden, wie das in früheren Zeiten während der Flüchtlings- oder der Eurokrise nicht der Fall war.

Das jedenfalls glaubt der Berliner Publizist und Autor Albrecht von Lucke. Ihr emotionaler Appell vom Mittwoch sei Ausdruck dafür, dass Merkel «ein Stück weit an den Grenzen ihres Lateins» angekommen sei, sagte der 53-Jährige am Donnerstag in einem Interview. In ihrer Leidenschaft sei deutlich Verzweiflung zum Ausdruck gekommen, Merkel sei «an den Grenzen ihrer Macht».

Ein letztes Flehen

Obwohl die Kanzlerin nächstes Jahr nicht mehr für eine weitere Amtszeit kandidiert und damit eigentlich von Beliebtheitsskalen befreit agieren könnte, hat sie das Vertrauen der Bevölkerung aktuell nötiger als je zuvor in ihrer Kanzlerschaft, um ihre Politik zur Eindämmung der Pandemie durchzubringen. Ihr emotionaler Appell vom Mittwoch, so von Lucke, «war ein absolut letztes Flehen, eigentlich auch Ausdruck dieser Hilflosigkeit».

Angela Merkel wird 2021 nicht mehr fürs Kanzlerinnenamt kandidieren. (Symbolbild)

Angela Merkel wird 2021 nicht mehr fürs Kanzlerinnenamt kandidieren. (Symbolbild)

Keystone

Merkel ist auf dem Höhepunkt ihrer Beliebtheit und zugleich am Limit ihrer Macht. Immerhin scheint Merkels Ansprache die Wirkung nicht verfehlt zu haben. Jedenfalls nicht bei den Regierungschefs der 16 Bundesländer. Die wollen am Sonntag zusammen mit Merkel darüber beraten, wie es vor und nach Weihnachten in Deutschland weitergehen soll. Dem Land stehen harte Wochen bevor.