Frankreich
Sklaverei in Pariser Luxushotel

In einer Überraschungsaktion befreite das Hotelpersonal des hochdekorierten «Concorde Opéra» die Zwangsarbeiterin eines Gastes. Die Afrikanerin reiste als Sklavin einer reichen Familie aus den Emiraten.

Stefan Brändle, Paris
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Im Hotel «Concorde Opéra» in Paris logierte eine Familie mit Sklavin.HO

Im Hotel «Concorde Opéra» in Paris logierte eine Familie mit Sklavin.HO

Das «Concorde Opéra» zählt zu den besten Hotels von Paris, es hat die besten Kunden der Welt: Die im Stil der Belle Époque dekorierte Adresse empfängt Filmstars aus den USA, Geschäftsleute aus Japan oder arabische Erdölmillionäre.

Ab und zu logieren dort aber auch Gäste, die keinen Cent haben und nicht so recht in das luxuriöse Ambiente passen. Meist sind es Frauen – junge Frauen afrikanischer Herkunft. Sie haben kein Geld, aber auch keine Freiheit und keine Perspektiven. Früher nannte man sie Sklavinnen.

Eine davon, Z., stieg kürzlich im Hotel Concorde Opéra ab. Natürlich nicht allein, sondern im Gefolge einer Familie aus den Vereinigten Arabischen Emiraten. In deren Dienste war sie Anfang 2011 getreten, auf Vermittlung ihres Onkels in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba. Er hatte sich ihrer angenommen, nachdem ihre Mutter in der Provinz Godscham an der Grenze zum Sudan gestorben war. Er schrieb Z. bei einer Arbeitsvermittlung ein, und bald kam sie, wie so viele Äthiopierinnen, bei reichen Emirati als Hausangestellte unter.

Tritte, Ohrfeigen, Beleidigungen

Angestellt heisst aber nicht bezahlt. Statt eines Salärs erhielt Z. Schläge für die Arbeit rund um die Uhr. Ihren Pass musste sie abgeben. Ihr Alltag beziehungsweise Albtraum bestand in Dubai anderthalb Monate lang aus Zwangsarbeit und Schlafverhinderung, unterbrochen durch Fusstritte, Ohrfeigen, Beleidigungen. «Die Kinder der Familie, allen voran eine Tochter, schlugen mich mit der Billigung ihrer Mutter. Die Schläge erfolgten regelmässig», erzählte Z. im Einvernahmeprotokoll der französischen Polizei, das die Zeitung «Libération» gestern publizierte.

Ferien im Luxushotel

Im Juli reiste die zehnköpfige Familie mit Z. im Schlepptau für zwei Ferienwochen nach Paris. Hier traf die junge Äthiopierin auf eine Zimmerfrau aus ihrem Land. Ihre Arbeitskollegen informierten das lokale «Komitee gegen moderne Sklaverei». Mitte Juli griffen sie ein. Gegen 17 Uhr platzierten sie sich diskret vor dem Hotel, ohne die Direktion zu benachrichtigen – diese sollte die illustre Kundschaft nicht warnen können. Nach 23 Uhr tauchte der Familientrupp auf. «Zuhinterst ging Z., mit allen Einkaufstaschen beladen», erzählt Christine Laurent vom Verein solidarischer Frauen.

Dann griff die zuvor ins Bild gesetzte Polizei ein. Sie verlangte den Pass der jungen Frau und führte sie ab. Auf dem Posten zeigte sie ihre Quetschungen an den Unterarmen. Dabei hatte die Mutter «aufgepasst, dass mir nicht mehr Gewalt angetan wurde, denn sie wusste, dass diese Praktiken hier illegal sind», erklärte Z. den Polizisten.

Sklaverei als geläufiges Problem

Die Polizei reagierte aber nicht sofort, sodass die Familie am nächsten Tag Richtung Dubai abreisen konnte, bevor sie in Paris von der Amtsklage behelligt wurden. Vier Gewerkschafter des Hotelpersonals wurden von der Direktion nicht etwa gelobt, sondern gerügt, weil sie eigenmächtig gehandelt hätten.

Als der Fall gestern aufflog, verteidigte sich die Hotelleitung, hinter der Verwarnung steckten keineswegs «ökonomische Gründe» – mit anderen Worten: Das Hotel verteidige nicht einfach den Standpunkt der zahlungskräftigen Kunden.

Doch die Gewerkschaft CGT hält die moderne Sklaverei – in der Kundschaft, nicht im Personal – für ein «geläufiges Problem in den Luxushotels von Paris», und die Direktionen folgten «nicht immer dem Reflex, die Behörden einzuschalten».

Wenigstens für Z. ist der Albtraum vorüber. Seit ihrer Befreiung wohnt sie in einer Wohnung des Anti-Sklaverei-Komitees und versucht, wieder Tritt zu fassen. Die Komiteeleiterin Sylvie O’Dy versucht ihr ihrerseits beizubringen, dass sie im Beisein anderer nicht automatisch deren Taschen tragen oder den Tisch abräumen muss.

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