Der neue Chef der Grünen in Deutschland will raus aus dem Milieu

Deutschland: Der neue Chef der Grünen, Robert Habeck, ist gewarnt. Den Hype um seine Person und seine Partei geniesst er mit Vorsicht.

Christoph Reichmuth, Berlin
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Robert Habeck sitzt beim Sommerinterview der ARD vor dem Reichstag in Berlin. (Bild: Paul Zinken/DPA; 22. Juli 2018)

Robert Habeck sitzt beim Sommerinterview der ARD vor dem Reichstag in Berlin. (Bild: Paul Zinken/DPA; 22. Juli 2018)

Robert Habeck weiss, wie schnell es zum Fall kommen kann. Martin Schulz, der einstige SPD-Chef, galt für ein paar Wochen als der neue Bundeskanzler Deutschlands. Am Ende fuhr die SPD unter seiner Führung das schlechteste Ergebnis ihrer Geschichte ein.

Und doch: Der Aufwind, in dem sich die Grünen momentan befinden, wirkt stabiler, authentischer, nachhaltiger. 15 bis 17 Prozent, auf diese Umfragewerte kommt die Ökopartei auf Bundesebene. Das hat diese ihrem neuen Führungsduo aus der 37-jährigen Annalena Baerbock und dem 48-jährigen Robert Habeck zu verdanken. Vor allem der «coole Intellektuelle aus dem Norden», wie Habeck von einer Zeitung genannt wurde, verpasst den Grünen ein neues Image.

Vorbei sind die Zeiten der Flügelkämpfe, passé die Phase des dogmatischen Jürgen Trittin. Habeck ist kein linker Idealist, sondern ein intellektueller Pragmatiker, der den Horizont seiner Partei erweitern will. Er will mit den Grünen neue Wege gehen, das typische Wähler-Milieu verlassen. Die Partei soll sich um Menschen kümmern, denen die Zuwanderung Sorgen bereitet oder «die nicht in den Biomarkt gehen und weiter Currywurst essen wollen» – genauso wie um die gut situierte, liberale Mitte, die ihr Kreuz in jüngerer Vergangenheit bei der FDP gesetzt hatte. Unter Habeck wollen die Grünen auch zu Patriotismus eine Botschaft haben. «Wir dürfen die Symbole dieser Republik nicht den Rechten überlassen.» Deutschland und Europa befänden sich mitten in einer Ausein­andersetzung zwischen nationalistischen Kräften, die autoritäre Staatsformen anstrebten, und den Verfechtern der freiheitlich-­liberalen Demokratie.

Charismatische Führungsperson

Habeck träumt von Grossem. Der vormalige Umweltminister von Schleswig-Holstein will die strauchelnde SPD als stärkste Mitte-Links-Partei ablösen. Die beiden Kräfte trennen bundesweit nur noch wenige Prozente. Im Gegensatz zur SPD haben die Grünen in Robert Habeck jene charismatische Führungsperson, welche der Partei die nötige Aufmerksamkeit beschert. Das Magazin «Der Spiegel» schrieb kürzlich über die Aussenwirkung des promovierten Philosophen, Schriftstellers und vierfachen Vaters: «Er ist ein 48 Jahre alter Mann, der immer gerade so nachlässig angezogen, frisiert und rasiert ist, wie man das nur mit einem gewissen Aufwand hinbekommt.» Obschon durch und durch Akademiker, kommt Habeck nicht abgehoben daher. Der «Spiegel» stellte fest: «Er hat begriffen, dass man mit Avantgarde keine Volkspartei wird, weil eine Volkspartei nie überfordern darf.»

Eine erste Bewährungsprobe für Robert Habeck steht bei den Landtagswahlen von Bayern Mitte Oktober an. Für die Grünen sieht es nach einem Erfolg im Stammland der CSU aus. Die Partei ist drauf und dran, hinter der CSU zweitstärkste Kraft zu werden.

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