Deutsche Bankiersgattin
Rätselhafter Mordfall Maria Bögerl: Polizei sieht 10 Jahre danach noch viele Ermittlungsansätze

Es ist einer der bekanntesten ungeklärten Mordfälle Deutschlands: Vor zehn Jahren wird Maria Bögerl aus ihrem Haus in Heidenheim entführt. Wochen später findet ein Spaziergänger ihre Leiche. Das Schicksal der Bankiersfrau lässt die Ermittler nicht los.

Aleksandra Bakmaz
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Mordfall Maria Bögerl (Galerie von 2020)
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Die Geldübergabe scheiterte, Maria Bögerl wurde umgebracht.
Die Leiche von Maria Bögerl wurde knapp drei Wochen nach der Entführung in einem Wald gefunden.
Die Obduktion ergab, dass die 54-Jährige mit einem etwa 20 Zentimeter langen Messer erstochen worden war.
Momentaufnahme vom Trauergottesdienst.
Ein Einsatzfahrzeug der Polizei sperrt am 11. Juli 2011 in Heidenheim-Schnaitheim den Zugang zum Haus des Sparkassendirektors Thomas Bögerl ab. Er nahm sich das Leben. Er war fälschlicherweise unter Tatverdacht geraten.

Mordfall Maria Bögerl (Galerie von 2020)

Keystone/AP dapd Oskar Eyb/HO

Es ist ein Vormittag im Mai, an dem Maria Bögerl in ihrem Haus im württembergischen Heidenheim überwältigt wird. Mit Handschellen wird die Frau des damaligen Sparkassenchefs gefesselt, zu ihrem Auto gebracht und entführt. Kurze Zeit später klingelt das Telefon ihres Ehemanns Thomas Bögerl. Der Entführer fordert 300'000 Euro Lösegeld, schnell. Der Ablageort soll an der A7 sein, markiert mit einer Deutschlandflagge. Doch das gelieferte Geld wird nie abgeholt.

Am nächsten Dienstag ist das genau zehn Jahre her: die Entführung, die Erpressung – und schliesslich ein nicht auszuhaltendes Warten. Warten auf einen weiteren Anruf des Entführers, der nie kommt. Warten auf ein Lebenszeichen der Frau, das es nicht gibt.

Ermittler: Opfer wohl kurz nach Entführung ermordet

In ihrer Verzweiflung wenden sich Ehemann und Kinder der Entführten knapp eine Woche später über die ZDF-Sendung «Aktenzeichen XY... ungelöst» an die Öffentlichkeit. Sie flehen um die Freilassung der Mutter und Ehefrau. Vergebens. Knapp drei Wochen später findet ein Spaziergänger in einem Waldstück ganz in der Nähe der Geldübergabestelle die Leiche der 54-Jährigen.

Heute vermuten die Ermittler, dass Maria Bögerl bereits kurz nach ihrer Entführung erstochen wurde. «Wir gehen anhand unserer Befunde davon aus, dass sie zeitnah am Tattag zu Tode kam – zwischen Erpresseranruf und Geldübergabe», sagt Thomas Friedrich, der die Ermittlungen in dem Fall seit Anfang 2014 leitet. «Mutmasslich wäre sie nicht zu retten gewesen.»

Die Leiche von Maria Bögerl wurde knapp drei Wochen nach der Entführung in einem Wald gefunden.

Die Leiche von Maria Bögerl wurde knapp drei Wochen nach der Entführung in einem Wald gefunden.

Keystone/EPA/Stefan Puchner

Fast sechs Jahre lang hatte sich die «Soko Flagge» um die Aufklärung des Falls gekümmert, ein weiteres Jahr eine personell reduzierte Ermittlungsgruppe. Aktuell ist noch der erfahrene Mordermittler Michael Bauer beim Polizeipräsidium Ulm damit beschäftigt.

«Dass so lange in Soko-Besatzung mit 40, 50 Leuten ermittelt wurde, ist in Deutschland einzigartig», sagt Friedrich. Kontinuierlich werde an dem Fall gearbeitet. Im Januar gab es die letzte grössere Aktion: Die Wohnungen von drei Beschuldigten wurden durchsucht. Doch auch diese Spur führte ins Nichts.

Ehemann nahm sich das Leben

Für Christoph und Carina Bögerl ist es furchtbar. Knapp ein Jahr nach dem Tod der Mutter nimmt sich der Vater das Leben. Er war in Verdacht geraten, in den Fall verwickelt zu sein. Die Verleumdungen, die erfolglosen Ermittlungen der Polizei und den Verlust seiner Frau habe er nicht ertragen, hiess es in der Traueranzeige der Familie.

Als Vorstandschef war Bögerl in der Region sehr bekannt. Der spektakuläre Fall bewegte die Menschen. Die Bilder der wochenlangen Suchaktion, die Hoffnung, die Umstände der Entführung - all das bleibe in Erinnerung, sagt Heidenheims Oberbürgermeister Bernhard Ilg. Der CDU-Politiker war schon 2010 im Amt. Es sei sehr bedrückend, dass der Mörder auch nach zehn Jahren nicht gefunden worden sei.

Doch nach Friedrichs Angaben gibt es noch viele Ermittlungsansätze. Derzeit würden vor allem noch physikalische Daten, beispielsweise aus Funkzellen, ausgewertet. Mehr als 10'000 Spuren seien gesammelt worden. In eine setzen Friedrich und seine Kollegen weiterhin grosse Hoffnung: eine DNA-Spur. «Die ist zu 100 Prozent tatrelevant», sagt der Ermittler. Es fehle leider immer noch der passende Treffer. Unter den 8000 Speichelproben, die man bisher von Männern aus der Region genommen habe, sei keine passende dabei gewesen.

Profiler glaubt an Gewalttat aus Geldnot

Vermutet wird, dass der Mörder aus der Region stammt – männlich, im mittleren Alter. Der Profiler und frühere Bremer Mordermittler Axel Petermann kann sich gut vorstellen, dass Bögerl ihren Mörder kannte. Dafür spreche das abrupte Ende der Entführung. Nach der Tat eines Profis sehe das alles nicht aus. «Wenn Opfer ihre Täter kannten und erkannten, sorgt die Angst vor einer Aufdeckung der Tarnung oft für eine Kurzschlussreaktion», sagt der Experte. Er glaubt an eine Gewalttat aus Geldnot.

Auch Chefermittler Friedrich geht von einem finanziellen Motiv aus. «Doch die Tarnung war dem Täter wohl wichtiger als das Geld», mutmasst der Beamte. «Fragen kann ich ihn aber erst, wenn er vor mir sitzt.» Wie wahrscheinlich das ist, will Friedrich nicht in Prozentzahlen ausdrücken. «Solange es erfolgversprechende Ermittlungsansätze gibt, ist weder die Staatsanwaltschaft noch die Polizei bereit, diese Akte zu schliessen.»

Mordfall Maria Bögerl: Chronologie der Ereignisse

12. Mai 2010: Maria Bögerl (54), zweifache Mutter und Frau eines Sparkassenchefs, wird aus ihrem Haus in Heidenheim entführt. Ihr Mann hinterlegt 300 000 Euro Lösegeld an vereinbarter Stelle an der A7.

13. Mai 2010: Das Geld wird nicht abgeholt, der Kontakt zum Entführer bricht ab. Von der Frau fehlt jede Spur.

16. Mai 2010: Ein zunächst verdächtiger Mann wird kurz nach seiner Festnahme wieder freigelassen.

18. Mai 2010: Die Belohnung für Hinweise zur Aufklärung des Falls wird auf 100 000 Euro verdoppelt. Die Soko «Flagge» wird gebildet.

19. Mai 2010: Mit einem verzweifelten Appell wendet sich die Familie in der ZDF-Sendung «Aktenzeichen XY... ungelöst» an die Täter.

3. Juni 2010: Ein Spaziergänger entdeckt die Leiche von Maria Bögerl an einem Waldrand wenige Kilometer vom Haus der Bögerls entfernt.

11. Juli 2011: Bögerls Ehemann tötet sich selbst.

14. Juli 2011: Die Kinder der Bögerls kritisieren öffentlich die Polizei.

5. September 2012: Die Polizei wendet sich über «Aktenzeichen XY» erneut an die Bevölkerung. Daraufhin führt ein Mann die Polizei monatelang mit falschen Hinweisen in die Irre. Dafür kassiert er zunächst mehrere Tausend Euro Belohnung - und schliesslich zwei Jahre Haft auf Bewährung.

November 2015: Die Ermittler werten mit einer neuen Software 600 000 alte Datensätze aus - darunter vor allem Handy-Verbindungsdaten aus dem Tatzeitraum.

April 2016: Die Polizei geht noch einmal 150 neuen Ermittlungsansätzen nach.

5. April 2017: Die Ermittler suchen nach einem Verdächtigen; der Mann ist in Nordrhein-Westfalen gesehen worden. Die ZDF-Sendung «Aktenzeichen XY... ungelöst» berichtet erneut über den Fall.

6. April 2017: Das Bundeskriminalamt gibt bekannt, dass ein Verdächtiger festgenommen worden sei. Die DNA-Probe bei dem Mann ist negativ.

Januar 2020: Die Polizei durchsucht in Bayern und Baden-Württemberg Wohnungen von drei Beschuldigten. Der Tatverdacht erhärtet sich aber nicht.

(dpa/lsw)