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Warum das Militär in Myanmar die Macht an sich gerissen hat - und welche Rolle Nobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi spielt

Das Experiment Demokratie in Myanmar ist gescheitert. De-facto-Regierungschefin Suu Kyi ist von den Generälen abgesetzt worden. Was ist los im früheren Burma? Die 4 wichtigsten Fragen und Antworten.

Daniel Kestenholz aus Bangkok
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Ein Demonstrant mit Bild der abgesetzten De-facto-Regierungschefin Aung San Suu Kyi: Vor mehreren Botschaften im Ausland, hier in Bangkok, protestierten Menschen gegen den Militärputsch in Myanmar.

Ein Demonstrant mit Bild der abgesetzten De-facto-Regierungschefin Aung San Suu Kyi: Vor mehreren Botschaften im Ausland, hier in Bangkok, protestierten Menschen gegen den Militärputsch in Myanmar.

Rungroj Yongrit / EPA

Was passiert gerade in Myanmar?

Das Militär hat am frühen Montagmorgen geputscht. De-facto-Regierungschefin Aung San Suu Kyi, 75, sowie Regierungsmitglieder wurden von Uniformierten festgesetzt. Die Armee gab Wahlbetrug als Grund für die Machtübernahme an und rief einen einjährigen Notstand aus. Myanmars Experiment mit Demokratie ist gescheitert. So bald dürften die Generäle ihre Macht nicht wieder hergeben.

Vom Militär lange geduldet - doch nun haben die Generäle die De-facto-Regierungschefin und Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi festgesetzt.

Vom Militär lange geduldet - doch nun haben die Generäle die De-facto-Regierungschefin und Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi festgesetzt.

Martin Divisek / EPA

Die «Lady», Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi, hatte es geschafft, Myanmars Militärjunta mit gewaltlosem Widerstand zum Verbündeten zu machen. 2008 beschloss das Regime auf Druck von Suu Kyi und dem Ausland politische Reformen. 2015 gab es freie Wahlen, auch im November wieder. Beide gewann Suu Kyi deutlich. Jetzt ist Myanmars De-facto-Regierungschefin, die als Oppositionsführerin schon 15 Jahre in Hausarrest verbrachte, von den Generälen erneut entmachtet worden. Für wie lange sie festgesetzt wird, weiss niemand.

Wie reagiert die Bevölkerung?

In einem von ihrer Partei ausgehändigten Brief, der von Suu Kyi unterzeichnet ist, forderte die Entmachtete die Menschen zum Protest auf, sich gegen den Machtraub zu wehren. Doch es blieb ruhig im Land. Durch Myanmars grösste Stadt Yangon zog zwar ein jubelnder Konvoi von Anhängern der Putschisten. Die meisten Menschen im Land schweigen, auch wenn viele Angst und Zorn verspüren. «Die Art und Weise, wie sie handeln, ist wie eine Diktatur», sagte ein 32-Jähriger Anwohner zu Journalisten. Seinen Namen wollte er nicht geben, aus Angst vor Vergeltung. «Wir alle wissen, für wen wir gestimmt haben.»

Geld abheben in Yangon: Menschen in Myanmar bringen ihr Erspartes in Sicherheit.

Geld abheben in Yangon: Menschen in Myanmar bringen ihr Erspartes in Sicherheit.

Nyein Chan Naing / EPA

Suu Kyis Partei NLD (Nationale Liga für Demokratie) hat bei den Novemberwahlen einen Erdrutschsieg errungen und damit ihren Anspruch auf die Landesführung bestätigt. Suu Kyi bleibt beliebt im Land - doch kaum jemand würde sich jetzt für sie aufopfern. Zu viele Reformversprechen hat sie gemacht und nicht eingelöst. Suu Kyi, das ist vorab ein grosser Name, der grosse Hoffnungen verspricht. Doch die Menschen im Land haben sich schnell mit der neuen alten Realität abgefunden. Vor den politischen Reformen war die Armee mehr als 60 Jahre an der Macht. Die Vergangenheit hat das Land schnell wieder eingeholt.

Wie ist das Verhältnis zwischen Suu Kyi und dem Militär?

Die Generäle mussten sich durchaus überwinden, gegen «Daw» Suu Kyi vorzugehen, wie diese mit Ehrentitel in ihrer Heimat heisst. Suu Kyi ist die Tochter von Staatsgründer General Aung San, und das überhöht die heute 75-Jährige in einen Status der grossen Ehrerbietung. Macht wird in Asien oftmals in der Familie weitergegeben. Auch Suu Kyi trug immer das Banner ihres Vaters. Dadurch verstand sie, die Generäle nicht nur zur Weissglut, sondern auch zu Kompromissen zu bringen. Ein grosser Familienname bedeutet viel in diesen Teilen Asiens, und auch die Uniformierten wollten sich nicht am Landesvater versündigen, der einer der ihren war.

Strassenblockade in der Hauptstadt Naypyitaw: Das Militär sperrt Zugänge zum Parlament.

Strassenblockade in der Hauptstadt Naypyitaw: Das Militär sperrt Zugänge zum Parlament.

Maung Lonlan / EPA

Doch nach einer nur kurzen, rund sechsjährigen Ära der Demokratie, in der die Generäle Suu Kyi als De-facto-Regierungschefin akzeptierten, kam es nun zum Bruch.

Trotz Wahlen: Das Militär, «Tatmadaw», kontrollierte weiterhin alle wichtigen Ministerien und Gremien im Land. Ein Viertel der Sitze in den Parlamentskammern blieb für die Uniformierten reserviert. Ohne das Militär waren auch Verfassungsänderungen nicht möglich. So haben sich die Generäle die «demokratische» Verfassung ausgehandelt. Sie dachten nie im Traum daran, von der Bühne abzutreten.

Die Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi ist umstritten. Ist sie eine gefallene Heldin?

Suu Kyi war immer nur eine Geduldete. Wegen einer Klausel - weil sie mit einem Ausländer verheiratet war, dem Briten Michael Aris (1946-1999) - durfte sie nicht Präsidentin werden. Sie regierte als Staatsrätin und somit De-facto-Regierungschefin. Doch Politik scheint auch Suu Kyi korrumpiert zu haben. Insbesondere im Westen galt die Friedensnobelpreisträgerin von 1991 lange als Ikone der Demokratie. Mittlerweile ist die frühere Freiheitsikone umstritten.

Versprochenen demokratische Reformen sind in dem buddhistisch geprägten Land bislang weitgehend ausgeblieben, und Suu Kyi tritt zuweilen selber autoritär auf. Vor allem wegen der staatlichen Diskriminierung der Rohingya und ihres Schweigens zur Gewalt gegen die muslimische Minderheit steht Suu Kyi international scharf in der Kritik. Die EU schloss Suu Kyi aus der Sacharow-Gesellschaft aus.

Mehr als eine Million Rohingya waren 2017 vor den Übergriffen des Militärs und brandschatzenden Milizen nach Bangladesch geflohen. In einem Völkermord-Verfahren in Den Haag hatte Suu Kyi die Vorwürfe 2019 zurückgewiesen. Von Genozid könne keine Rede sein, die Armee habe nur das Land gegen Angriffe bewaffneter Rebellen verteidigt, sagte sie damals.

Jetzt ist sie wieder eine Gefangene der Generäle, deren Verbündete wider Willen sie während der vergangenen Jahre war. Hausarrest ist sie gewohnt. 15 Jahre verbrachte sie von der Aussenwelt abgeschottet, nachdem ihr die Junta schon ihren überwältigenden Wahlsieg 1989 aberkannt hatte. Für zunächst ein Jahr herrscht der Ausnahmezustand unter Armeeherrschaft. Mit einer Rückkehr Myanmars zu Demokratie ist nicht zu rechnen.