Naher Osten
Plant Trump zum Abschied einen Angriff auf den Iran?

Beobachter zeigen sich am Jahrestag der Tötung von Qassem Soleimani besorgt. Ein Angriff würde das Land ins Chaos stürzen.

Thomas Seibert aus Istanbul
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Bis heute verehrt im Iran: der ermordete General Qassem Soleimani.

Bis heute verehrt im Iran: der ermordete General Qassem Soleimani.

Keystone

Fast genau ein Jahr ist es her, seit die USA am 3. Januar 2020 den iranischen General Qassem Soleimani mit einer Kampfdrohne töteten. Entsprechend hoch ist die Anspannung zwischen Teheran und Washington derzeit. US-Präsident Donald Trump warnte den Iran explizit vor weiteren Angriffen auf die US-Botschaft in Bagdad, die kurz vor Weihnachten mit Raketen beschossen worden war. Kurz nach Trumps Mitteilung überflogen US-Langstreckenbomber provokativ den Nahen Osten.

Beobachter wie der Politologe Tom Nichols halten es für möglich, dass Trump in seinen letzten Tagen einen Krieg mit Teheran vom Zaun bricht. Schon kurz nach seiner Wahlniederlage im November habe Trump seine Berater um Optionen für amerikanische Militärschläge gegen iranische Atomeinrichtungen gebeten. Trumps Berater rieten dem Präsidenten damals von einem Angriff ab.

Der 62-jährige Soleimani starb am 3. Januar 2020, als sein Fahrzeug von einer US-Kampfdrohne in der Nähe des Flughafens der irakischen Hauptstadt Bagdad beschossen wurde. Soleimani habe iranische Werte wie Mut und Widerstandsgeist verkörpert, sagte Revolutionsführer Ali Khamenei kürzlich. Seine Ermordung werde «definitiv» gerächt. Soleimanis Mörder, einschliesslich Trump selbst, seien nirgendwo auf der Erde sicher, ergänzte Irans Justizchef Ebrahim Raisi.

Der Stern der Islamischen Republik sinkt zusehends

Der Tod des im Iran verehrten Generals riss eine Lücke in die iranische Führungsstruktur, die bis heute nicht gefüllt ist. Soleimani kommandierte die Auslandstruppen der Revolutionsgarde und lenkte die iranische Aussenpolitik. Unter ihm baute Teheran seinen Einfluss im Irak, in Syrien und im Libanon aus und heizte den Konflikt mit dem regionalen Rivalen Saudi-Arabien durch den Krieg im Jemen an. Sein Nachfolger Ismail Qaani verfügt nicht über Soleimanis Charisma und ist eher ein Koordinator als ein aktiver Gestalter der iranischen Politik.

Nicht nur deshalb sinkt der iranische Einfluss im Nahen Osten. Trumps Sanktionen haben die Wirtschaft des riesigen Landes schwer getroffen und erschweren es Teheran, verbündete Gruppen wie die Hamas im Gazastreifen, die Hisbollah im Libanon oder die Huthis im Jemen finanziell zu unterstützen. Auch die Coronapandemie, die im Iran schwerer wütet als in allen anderen Ländern des Nahen Ostens, schwächt die Islamische Republik.

Vor allem aber wächst in den Einflussgebieten des Irans die Ablehnung gegen das Regime, während der Erzfeind Israel durch Friedensverträge mit arabischen Staaten strategisch immer besser dasteht. Im Irak und im Libanon gibt es seit Monaten Proteste, die sich gegen die iranische Einflussnahme richten.

Bisher hat das iranische Regime jegliche Veränderungen abgelehnt. Regierungsfeindliche Proteste wurden brutal niedergeschlagen. Wirkliche Stärke strahlt Teheran damit nicht aus.