Falschmeldung
Nordkoreas «hingerichteter» Ex-Botschafter wird Minister

Der ehemalige Botschafter Nordkoreas in Bern lebt. Die von zahlreichen nationalen und internationalen Medien kolportierte Hinrichtung war eine Falschmeldung. Anfang April wurde Ri Su Yong zum neuen Aussenminister ernannt.

Lorenz Honegger
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Ri Su Yong

Ri Su Yong

nch

Nordkorea ist stärker abgeschottet als jedes andere Land der Welt. Kenner behandeln Informationen aus der Hauptstadt Pjöngjang dementsprechend vorsichtig. Was nach aussen dringt, ist meist Propaganda des Regimes. Andere Informationen sind schwer oder gar nicht verifizierbar.

Doch als die japanische Tageszeitung «Mainichi Shimbun» – Morgenauflage: vier Millionen – im Dezember von der Hinrichtung von Ri Su Yong berichtete, zweifelten die wenigsten Beobachter am Wahrheitsgehalt. Ri war von 1988 bis 2010 Botschafter in der Schweiz gewesen. Er galt als einer der engsten Vertrauten des verstorbenen Diktators Kim Jong Il und dessen einflussreichem Schwager Jang Song Taek. Es schien nur logisch, dass er nach Jangs Entmachtung und Exekution ebenfalls den Säuberungen des jungen Herrschers Kim Jong Un zum Opfer gefallen war.

Alt Bundesrätin Micheline Calmy-Rey lobte den angeblich exekutierten Ex-Botschafter Ri gegenüber der Westschweizer Tageszeitung «Le Temps» als «äusserst taktvolle und sehr respektierte Persönlichkeit in Botschafterkreisen». Er sei es gewesen, der ihre berühmte Reise auf die koreanische Halbinsel organisiert habe, bei der sie 2003 als erste ausländische Regierungsvertreterin die Demarkationslinie zwischen Nord- und Südkorea überschritt.

Enge Bande zum Kim-Clan

Auch Andreas Schild, jahrelang als Berater für die Vereinten Nationen und die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) in Nordkorea tätig, ging der Falschmeldung zunächst auf den Leim. Auf seinem persönlichen Blog veröffentlichte er einen Nachruf auf Ri. Vor wenigen Tagen berichtigte er die Meldung.

In Tat und Wahrheit – so heisst es zumindest von offizieller Seite in Pjöngjang – ist der Ex-Botschafter wohlauf. Mehr noch: Die Oberste Volksversammlung, auf dem Papier das höchste Machtorgan in der Kim-Diktatur, ernannte ihn Anfang April zum neuen Aussenminister. Die englischsprachige «Korea Times» deutete dies als Zeichen der Konstanz. Ri werde die Politik seines Vorgängers Pak Ui Chun kaum umkrempeln und die harte Linie im Bereich der atomaren Aufrüstung fortführen.

Laut Ex-Deza-Berater Schild hat Ri das hohe Amt höchstwahrscheinlich aufgrund seiner engen Beziehungen zur Herrscherfamilie erhalten. Der Diplomat sei gerüchteweise ein enger Verwandter des Clans des «Ewigen Präsidenten» und Staatsgründers Kim Il Sung, Grossvater des heutigen Herrschers Kim Jong Un. Als dieser in Jugendjahren, dem Vernehmen nach zwischen 1998 und 2000, inkognito in Bern die Schule besuchte, soll Ri Su Yong als Vormund des Diktatorensohns fungiert haben. Er soll sich sogar um die finanziellen Geschicke der Kims gekümmert haben. Die Rede ist von einem Vermögen von rund vier Milliarden amerikanischen Dollar.

Schild hat den neuen Aussenminister der Diktatur auch schon persönlich getroffen. Auf eine nähere Charakterisierung will er sich aber nicht einlassen. Was er weiss: Der Ex-Botschafter habe stets im Hintergrund und meist von der UNO-Botschaft in Genf aus die Fäden gezogen. Sein Einfluss in Pjöngjang habe sich dann gezeigt, wenn sich Visa- und andere Probleme von Schweizern im hochbürokratischen Nordkorea über Nacht in Luft auflösten. Ri habe sich stets darum bemüht, schweizerisches Know-how und Kompetenzen in sein Land zu bringen, zum Teil auch auf unorthodoxe Weise. Unter anderem habe er christliche Missionare aus der Schweiz nach Nordkorea geholt.

Wenig Einfluss auf Beziehungen

Bei jedem anderen Botschafter, der nach seiner Rückkehr aus Bern in seinem Heimatland zum Aussenminister ernannt wird, würde dies für die Schweiz den einen oder anderen Vorteil nach sich ziehen. Im Fall von Nordkorea ist Kenner Schild skeptisch. Die Eidgenossenschaft geniesse in Pjöngjang zwar ein sehr hohes Ansehen. Aber wenn er die Reaktionen von Parlamentariern auf die Ausbildung von nordkoreanischen Offizieren am Zentrum für Sicherheitspolitik in Genf sehe, sei ein stärkeres Engagement unrealistisch.

Erst 2012 reduzierte die Deza ihre Anstrengungen in Nordkorea auf Druck des Parlamentes auf ein «rein humanitäres Programm». Entwicklungshilfe ist seither tabu. Im Zentrum stehen Nahrungs- und Einkommenssicherheit, Wasserversorgung und Abwasserbewirtschaftung sowie Umweltschutz – das Minimum. Ein schweizfreundlicher Aussenminister könne an dieser Situation kaum etwas ändern, sagt Schild.