Opfer
«Nichts ist mehr, wie es vor dem Tsunami war»

Tausende werden nie gefunden werden. In ihrer Ordnung finden Japaner Halt und Kraft. Schön geordnet, Schritt für Schritt wird auch diese lange, schmerzliche Abrechnung überwunden.

Daniel Kestenholz, Bangkok
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Keystone

Yoshie Murakami kniet im Schmutz zwischen Trümmern. Sie zittert und wischt das Gesicht ihrer Mutter frei. Ein letztes Mal hält sie die Hand ihrer Mutter. Ihre 23-jährige Tochter bleibt vermisst. Murakamis Mutter lebte und starb in RikuzenTakata, einer kleinen Stadt an Japans Nordostküste, die beim grossen Tohoku-Erdbeben – benannt nach der nordöstlichen Spitze von Japans Hauptinsel – komplett ausgelöscht wurde. Der Tsunami nahm den ganzen Ort mit. Rikuzen-Takata gibt es nicht mehr.

Murakamis Mutter gehört zu den offiziell 5300 Toten, die seit dem Tsunami am Freitag angespült und unter Trümmern ausgegraben wurden. Die Regierung fasst die Toten und Vermissten mit einer Zahl zusammen. Diese stand gestern bei 13000. Doch allein in Rikuzen-Takata, wo einst über 23000 Menschen lebten, fehlt von fast der Hälfte der Bevölkerung jede Spur. Auch von Murakamis Tochter. Soldaten und die Polizei fanden mehrere hundert Leichen.

Diese Tragödie wiederholt sich in jedem einzelnen Dorf und in jeder Stadt entlang der Küste. Auch in Otuchi, wo bis zum 11. März 15000 Menschen lebten. 5000 wurden evakuiert. 221 sind tot, offiziell. Und sieben vermisst. Macht über 9000, die verschollen bleiben. Die Opferzahl wird Zehntausende erreichen. Mit Tausenden, die nie gefunden werden.

Aus den Trümmerlandschaften steigt erster Verwesungsgeruch auf. Dies, obwohl seit Mittwoch bitterkalte Temperaturen herrschen und der Boden in der Nacht fast zufriert. Zum Vergleich: Beim Tsunami 2004 im tropischen südlichen Asien waren Leichen schon nach drei Tagen bis zur Unkenntlichkeit aufgedunsen und verwest. Nur noch DNA-Proben halfen bei der Identifizierung. Die Kälte Japans hingegen bewahrt.

Wird wieder ein Opfer gefunden, ruft jemand mit einem Papierklemmbrett in der Hand: «Mann oder Frau?» und «Wie alt?» Die Helfer antworten, markieren den Ort mit rotem Band und ziehen zur nächsten Leiche. Ein weiteres Team sammelt die Toten und bringt sie in die nächste Leichenhalle.

Im Katastrophengebiet fiel das Thermometer auch in der Nacht auf heute unter null. Wegen der Kälte stieg der Stromverbrauch in Tokio stark an. Behörden blieb keine Wahl, als einzelne Gebiete mit der angekündigten stundenweisen Rationierung von Strom vom Netz zu nehmen.

Und noch immer hat eine Million Menschen in Auffanglagern, Evakuierungszentren und zerstörten Gebieten keinen Strom, keinen Diesel für Generatoren und kein Kerosin für kleine Kocher und Öfen, geschweige denn genügend Essen, Decken, Kleider. Tonnen von Hilfe langen aus dem Ausland ein, rund um die Uhr wird Hilfe angeliefert, selbst Anwohner bringen Essen, Decken und Kissen. Doch alle noch so herkulischen Hilfsanstrengungen wirken wie Tropfen auf einen heissen Stein. In Flüchtlingszentren der Provinzen Fukushima und Iwate starben bislang 15 ältere Menschen, berichtete «Mainichi Daily News». Niemand konnte sich um sie kümmern.

Mit einem Aufruf im Fernsehen forderte der Bürgermeister einer zerstörten Stadt Hilfe an: «Wir halten nicht mehr lange durch, helft uns.» Menschen sind am Ende ihrer Kräfte, und doch ist kein wütendes Wort, kein Zorn zu vernehmen.

«Die Regierung vollbringt phänomenale Arbeit», sagte Patrick Fuller vom Internationalen Roten Kreuz. Im Schneegestöber betrug die Sicht noch 40 Meter, so Fuller. «Leute arbeiten, Truppen sind hier.» Schwere Maschinen und die Feuerwehr fuhren jedoch früh in ihre Zentralen und Garagen zurück, aus Vorsicht, nicht im Schnee stecken zu bleiben.

Retter retten zu müssen, diese Verschwendung von Arbeitskraft will niemand verantworten müssen im Japan, das auch inmitten von diesem Chaos Ordnung und System zu demonstrieren versucht. Hilfskolonnen marschieren in Reih und Glied. Über die Leichen, die nicht gleich identifiziert werden, wird akribisch genau Buch geführt. Haarfarbe, besondere Kennzeichen, Kleider, ungefähres Alter, usw. Ganz systematisch wird ein Gebiet nach dem anderen abgesucht.

Nichts ist mehr, wie es war. Nur die Ordnung. Als klammerten sich Japaner in dieser schwierigsten aller Zeiten an ihren tiefen Sinn für Ordnung. Ordnung auch als stille Auflehnung gegen das Chaos und Leid. In ihrer Ordnung finden Japaner Halt und Kraft. Schön geordnet, Schritt für Schritt wird auch diese lange, schmerzliche Abrechnung überwunden.

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