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Taliban verkünden Geschlechtertrennung an Universitäten ++ Kämpfer sollen Uniformen erhalten

Die radikal-islamischen Taliban haben die Macht in Afghanistan übernommen. Alle News im Ticker.

Online-Redaktion
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Afghanistan ist gefallen – Taliban im Präsidentenpalast in Kabul

Text: Agnes Tandler

«Flieht nicht», riefen in Asadabad in der afghanischen Provinz Kunar wütende Einwohner den Soldaten zu und bewarfen sie mit Steinen. Die afghanische Truppe hatte vor dem Einmarsch der Taliban mit ihren Gewehren nur ein paar Mal in die Luft geschossen und war dann geflohen. In der Stadt Ghazni überreichte der Gouverneur einen Blumenstrauss an die Aufständischen und räumte dann sein Büro. Binnen Tagen ist ganz Afghanistan praktisch kampflos an die Taliban gefallen.

Und nur wenige Stunden nach der Flucht des afghanischen Präsidenten Aschraf Ghani haben Kämpfer der militant-islamistischen Taliban den Präsidentenpalast in der Hauptstadt Kabul eingenommen. Umgeben von Bewaffneten wandten sich Führer der Gruppe an Journalisten, wie am Sonntagabend auf Fernsehbildern zu sehen war.

Auch in anderen Teilen des Landes ergab sich die über fast zwei Jahrzehnte mit Milliarden US-Dollar finanzierte und am Leben gehaltene Armee den Aufständischen ohne Gegenwehr. Ähnlich rasch verlief der Fall der afghanische Hauptstadt Kabul. In nur knapp zwei Wochen hatten die Taliban in einer der vielleicht besten Guerilla-Aktion der Geschichte das ganze Land ohne grossen Widerstand eingenommen. Damit beginnt am Hindukusch eine neue, ungewisse Zukunft.

Friedlich soll dabei alles zugehen, so versicherten die Aufständischen am Sonntag immer wieder. Sogar Ausländer wurden aufgefordert, entweder das Land zu verlassen oder sich in Kürze in einem Büro der Taliban zu registrieren. Im Präsidentenpalast von Kabul verhandelten laut dem Sender Al Arabya Vertreter der Taliban über eine Ausgestaltung einer Übergangsregierung. «Solange bis der Übergangsprozess abgeschlossen ist, liegt die Verantwortung für die Sicherheit von Kabul bei der anderen Seite», schrieb ein Sprecher der Taliban auf Twitter und verbreitete damit den Eindruck von Ordnung und Normalität. Allerdings gibt es wenig Zweifel, dass die Formation einer Übergangsregierung einer Kapitulation der afghanischen Regierung gleichkommt.

Die Taliban haben am Sonntag die Randbezirke der afghanischen Hauptstadt Kabul erreicht. Laut dem afghanischen Innenminister verhandle man mit den Taliban über eine friedliche Machtübergabe.

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USA fliegen Diplomaten per Helikopter aus

Vom Gelände der US-Botschaft unweit des Präsidentenpalasts stieg am Sonntag Rauch auf, weil offenbar wichtige Dokumente in letzter Minute verbrannt werden mussten. Helikopter flogen Diplomaten und Mitarbeiter Richtung Flughafen aus. Die russische Botschaft erklärte hingegen laut Nachrichtenagentur TASS, eine Evakuierung ihrer Mitarbeiter sei nicht geplant. Die Taliban hätten ihnen zugesichert, dass ihre diplomatische Vertretung geschützt sei.

Ungläubig hatten die USA und andere westliche Staaten die rasche Abfolge der Ereignisse wahrgenommen, in der Provinzen und Städte Afghanistans nacheinander wie Dominosteine fielen. Bis zum Sonntagmorgen lag die bange Frage in der Luft, ob die Taliban Kabul mit Gewalt einnehmen wollten. Blutige Strassenkämpfe in der Vier-Millionen-Stadt wären eine humanitäre Katastrophe gewesen.

Am Sonntag bereiteten sich einige Einwohner von Kabul bereits auf die Ankunft der Taliban vor. Vor einem Brautkleidergeschäft im Zentrum der Stadt, wo bislang glückliche Frauengesichter von Plakaten lächelten, malten am Sonntag Arbeiter alle Bilder mit weisser Farbe über. Inhaftierte Taliban-Kämpfer verliessen froh das Kabuler Zentralgefängnis Pul-e-Charki, nachdem Wächter ihnen die Türen geöffnet hatten.

Afghanistans Präsident Ashraf Ghani

Afghanistans Präsident Ashraf Ghani

Keystone / AP Photo/
Rahmat Gul

Afghanistans Präsident Ashraf Ghani hatte sich noch am Samstag trotz massivem Drucks geweigert, zurückzutreten. Dennoch gilt Ghanis politisches Schicksal bereits als besiegelt. Dem 72-jährigen Ökonomen, der 2014 erstmals zum Präsidenten gewählt wurde, war es nicht gelungen, seine Anti-Taliban-Koalition aus Milizenführern und anderen Regionalfürsten zusammenzuhalten, in einem Land, in dem Stammeszugehörigkeiten und regionale Loyalitäten die alles entscheidende Rolle spielen. Mit eigenwilligen Personalentscheidungen hatte Ghani zuletzt viele Sympathien verspielt. Hingegen konnten die Taliban, die selbst ebenfalls ein lockerer Zusammenschluss lokaler Kommandanten mit unterschiedlichen wirtschaftlichen und politischen Interessen sind, ihre Männer deutlich besser bei der Stange halten.

Am Ende siegte in Afghanistan der Opportunismus. Die afghanische Armee machte von Beginn der Taliban-Offensive an keinerlei Anstalten zur Gegenwehr. Die 300'000 Mann starke Truppe ergab sich lieber kampflos als für die Regierung in Kabul zu kämpfen, die für viele Armeeangehörige nur ein unbedeutendes Konstrukt fremder Mächte ist.

Traumatische Erinnerungen an das Schreckensregime der 1990er

Widerstand schworen alleine die alten Milizenführer, die noch in den 1980er und 1990er Jahren gegen die Taliban ins Feld gezogen waren. Doch auch diese Front bröckelte rasch, als klar wurde, dass die Tage der Regierung in Kabul angesichts des fehlenden Kampfgeists gezählt waren.

Am Samstag wechselte die Stadt Mazar-e-Sharif im Norden ohne viel Aufhebens in die Hände der Taliban. Afghanistans viertgrösste Stadt, ein wichtiger strategischer Verkehrsknotenpunkt, war die letzte Bastion der eingeschworenen Taliban-Gegner. Denn dort hatten sich die beiden Ex-Mudjaheddin-Kämpfer Atta Mohammed Noor und Abdul Rashid Dostum verschanzt und geschworen, Mazar gegen die Aufständischen zu verteidigen. Dostum und Atta flohen beide nach Uzbekistan. Atta Noor sprach auf Twitter von einer «Verschwörung».

Ein ähnliches Schicksal hatte einen Tage zuvor den Kriegsfürsten von Herat ereilt. Der über 70-jährige Ismail Khan tappte in eine Falle, die ihm bereits zu den Taliban übergelaufene Regierungsbeamte gestellt hatten. Khan wurde sang- und klanglos von den Aufständischen gefangen genommen.

Das Schreckensregime der Taliban in den 1990er Jahren ist für viele Afghanen noch in traumatischer Erinnerung. Frauen und Mädchen wurden damals ins Haus verbannt, Musik und Tanz verboten und Gegner des Regimes auf brutalste Weise umgebracht. Öffentliche Hinrichtungen im Fussballstadion von Kabul unter «Allah ist gross»-Rufen der Zuschauer gehörten zum Alltag. Mit dem Abzug der USA und der Nato vom Hindukusch sind es andere regionale Mächte, etwa China und Russland, die nun Einfluss auf Afghanistan ausüben werden.

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