Migration
Krise in Osteuropa: Jetzt will Weissrusslands Autokrat Lukaschenko Raketen an der Grenze

Polens Armee warnt vor neuem Massenansturm von Flüchtlingen.

Paul Flückiger, Warschau
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Eskaliert den Grenzkonflikt mit Polen immer weiter: Weissrusslands Präsident Aleksander Lukaschenko.

Eskaliert den Grenzkonflikt mit Polen immer weiter: Weissrusslands Präsident Aleksander Lukaschenko.

Hans Punz / APA/APA

Sie marschieren im Nebel auf einer grossen Strasse. Sie haben Rucksäcke bei sich und Regenjacken. Rechts und links sind Wälder zu sehen, sowie ein typisch weissrussisches Strassenschild für einen Rastplatz. Das Kurzvideo des Telegram-Kanals «Belamowa» soll die nächste Gruppe von Migranten zeigen, die sich von der nordöstlichen Stadt Grodna zum inzwischen geschlossenen Grenzübergang Brusgi-Kuznica aufmachen.

Dort hinter dem behelfsmässig erstellten Stacheldrahtzaun warten auf der polnischen Seite neben Hunderten Soldaten, Polizisten und Tränengaswerfer schon spezielle Lautsprecherwagen auf die Flüchtlingsgruppe. «Niemand darf die Grenze ohne entsprechende Dokumente überschreiten», plärren die Lautsprecher. «Die Weissrussen haben euch betrogen. Ihr könnt von ihnen die Kosten eurer Reise zurückfordern und die Rückkehr nachhause», heisst es weiter. Wer schon da ist, hört sich das stoisch an, sei es auf Arabisch oder Englisch. Im Flüchtlingslager unmittelbar am Grenzzaun. sollen sich 800 Migranten aufhalten. Die aus Grodno anmarschierende Flüchtlingskolonne soll sie wohl verstärken. Das Lager wird gerade von weissrussischen Uniformierten winterfest gemacht.

Nächster Grenzdurchbruch am Montag?

Man müsse bis spätestens Montag mit einem nächsten massiven Durchbruchversuch nach Polen rechnen, warnt die polnische Armee. Sie hat 15000 Mann in die Gegend abkommandiert. Dieses Grossaufgebot hat die illegalen Grenzübertritte von Weissrussland nach Polen in den letzten paar Tagen wieder massiv senken können. So kam es in der Nacht auf Sonntag nach offiziellen polnischen Angaben nur noch zu 223 solchen Versuchen. 100 Kilometer südlich von Kuznica hat eine Gruppe von rund 100 Migranten versucht, den Grenzzaun einzutreten. Ein Polizist wurde dabei lebensgefährlich verletzt.

Der weissrussische Autokrat Alexander Lukaschenko hat inzwischen in einem Interview die Stationierung von russischen «Iskander»-Kurzstreckenraketen an der Grenze zu Polen gefordert. Russland hat bereits solche Raketen in seiner an Polen und Litauen grenzende Exklave Kaliningrad stationiert. In Weissrussland, das vom Kreml seit Lukaschenkos erstem Wahlsieg 1994 gestützt wird, unterhält Moskau bisher nur eine Flugradarstation. Zwischen Grodno und der polnischen Grenze werden zudem gerade fünf kleine russische Militärbasen mit Luftabwehrraketen aufgebaut.

Polen könnte die Nato ins Spiel bringen

Eine feste Stationierung von russischen Soldaten ist nicht vorgesehen. «Iskander»-Raketen in Weissrussland kämen einer massiven Aufrüstung des bisher zumindest militärisch friedlichen Gebietes gleich. Polens Ministerpräsident Mateusz Morawiecki hat am Sonntag als Antwort Artikel 4 des Nato-Pakts ins Gespräch gebracht. Demnach würden Polen, Litauen und Lettland ab sofort ihre Landesverteidigung unter einander und mit dem Nato-Hauptquartier in Brüssel koordinieren.