Krieg in der Ukraine
Durchbruch bei Evakuierung aus Stahlwerk in Mariupol? Bis zu 100 Zivilisten aus «Asowstal»-Gelände entkommen

Teils von der UNO begleitet wurden Frauen, Kinder und Männer in noch sichere Dörfer gebracht. Der Streit um das Stahlwerk bleibt ein heisses Eisen.

Paul Flückiger, Warschau
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Der riesige Asowstal-Komplex.

Der riesige Asowstal-Komplex.

Bild: Sergei Ilnitsky / EPA

Bei der Evakuierung von Zivilisten aus dem von der ukrainischen Armee gehaltenen Asowstal-Stahlwerk in Mariupol zeichnet sich ein Durchbruch ab. Laut unterschiedlichen Angaben haben am Sonntagmittag zwischen 40 und 54 Zivilisten das von der russischen Armee umstellte Gelände verlassen. Sie sollen in das von pro-russischen Separatisten besetzte Küstendorf Bezimenoje rund 20 Kilometer östlich von Mariupol gebracht worden sein.

Die Autobusse mit den Zivilisten, darunter etwa zur Hälfte Frauen und Kinder, wurden laut der Internetzeitung «Ukrainska Prawda» von der UNO begleitet.

In Bunkern und Katakomben des inzwischen völlig zerstörten Stahlwerks sollen sich seit Anfang März bis zu 2000 Zivilisten versteckt halten. Viele von ihnen sind verletzt.

Russland spricht indes nur von ein paar Dutzend Zivilisten, die von «Nationalisten» gegen ihren Willen als menschliche Schutzschilde missbraucht würden.

Russische Propaganda mit «Flüchtlingen vor Nationalisten»

Ein erster Durchbruch war am Samstag zu vermelden, als ukrainische Soldaten 20 Zivilisten aus den Trümmern des von der russischen Armee bombardierten Werk-Spitals befreiten. Diese Zivilisten wurden in gegensätzlicher Richtung, nach Nordwesten in die noch ukrainisch kontrollierte Industriestadt Zaporosche evakuiert.

Laut der amtlichen russischen Nachrichtenagentur Tass ist zwei weiteren Gruppen von Zivilisten die Flucht gelungen, insgesamt soll es sich um etwa 30 Personen handeln. Diese Angaben sind mit Vorsicht zu geniessen, zumal auch diese Zivilisten freiwillig ins russisch besetzte Gebiet geflüchtet sein sollen. Eine vom Staatsfernsehen «Rosja 1» gezeigte, völlig verschüchterte Familie aus «Asowstal» deutet auf eine Propaganda-Aktion des Kreml hin.

Verbliebene Kämpfer fürchten Racheaktionen

Die ebenso in dem umzingelten Gelände eingeschlossenen Marine-Infanteristen und die Mitglieder des teils als rechtsextrem eingestuften Freiwilligenbataillons «Asow» wollen sich weiterhin nicht ergeben, da sie russische Racheaktionen in Kriegsgefangenschaft befürchten.

Erst am Samstag wurde ein 26-jähriger «Asow»-Freiwilliger laut dem Telegram-Kanal von «Mariupol Now» nach elf Tagen russischer Kriegsgefangenschaft in schrecklichem Zustand seiner Mutter übergeben. Der nur mit seinem Vornamen Dan identifizierte ukrainische Soldat lebte nicht mehr.