Japan
Kein Industrieland geht harscher mit Asylbewerbern um als Japan – und jetzt wirds für Ausländer wohl noch heftiger

Olympia hätte das ausländerkritische Japan offener machen sollen. Doch daraus wird nichts. Japans drängendstes Problem ist jedoch ein anderes.

Felix Lill, Tokio und Lars Nicolaysen (dpa)
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Nur auf Werbeplakaten willkommen: Ausländer in der japanischen Metropole Tokio.

Nur auf Werbeplakaten willkommen: Ausländer in der japanischen Metropole Tokio.

AP

Angesichts steigender Infektionszahlen hat Japan den Coronanotstand für die Olympia-Stadt Tokio knapp drei Monate vor den geplanten Sommerspielen bis mindestens zum 31. Mai verlängert. «Die Infektionen nehmen rasant zu», sagte Ministerpräsident Yoshihide Suga. Die Olympischen Spiele waren wegen der Coronakrise bereits um ein Jahr verschoben worden. In Umfragen spricht sich eine deutliche Mehrheit der Japaner für eine erneute Verschiebung oder Absage der Spiele aus. Eine entsprechende Onlinepetition wurde innerhalb von nur zwei Tagen von mehr als 220'000 Menschen unterzeichnet. Klar ist bereits jetzt, dass ausländische Besucher bei den Spielen nicht willkommen sein würden.

Das ist nicht nur ärgerlich für Sportfans auf der ganzen Welt, sondern auch eine verpasste Chance für Japan. Die Regierung hatte gehofft, ihrer gegenüber Ausländern äusserst kritisch eingestellten Bevölkerung durch den Megaevent unter dem Motto «Unity in Diversity» («Vereint durch die Vielfalt») eine Prise Weltoffenheit verabreichen zu können. Nicht einmal zwei Prozent der 126 Millionen Einwohner sind Ausländer. Doch die rückläufige Bevölkerungsentwicklung (Japanerinnen bringen im Schnitt 1,42 Kinder zur Welt) macht Zuwanderung nötig, um die Wirtschaft am Laufen zu halten.

Japanerinnen kriegen zu wenige Kinder

2019 verabschiedete die Regierung aus diesem Grund ein Einwanderungsgesetz, das Fachkräften ermöglicht, mittelfristig in Japan zu bleiben, ohne allerdings automatisch ihre Familienmitglieder nachziehen zu dürfen. Bis 2024 sollen so 350'000 ausländische Fachkräfte ins Land kommen.

Doch die Pandemie hat alte Reflexe reaktiviert.

«Wir fühlen uns hier wie Bürger zweiter Klasse.»

Das sagt Barbara Holthus, stellvertretende Direktorin des Deutschen Instituts für Japanstudien in Tokio. Auch die Polizeistatistiken, welche die durch Migranten begangenen Straftaten jeweils speziell hervorheben, heizen die ausländerfeindliche Stimmung immer wieder an.

Kein Land nimmt so wenige Asylbewerber auf wie Japan

Derzeit wird in Japan über ein weiteres Gesetz zur Verschärfung des Asylrechts debattiert. Wer dreimal erfolglos einen Asylantrag gestellt hat, soll künftig mit Zwang in sein Herkunftsland zurückgebracht werden können. Wer sich sträubt, dem droht eine Gefängnisstrafe. Schon heute wird in Japan nur rund eines von 100 Asylgesuchen anerkannt – so wenige wie in keinem anderen Industrieland der Welt. Zum Vergleich: In der Schweiz waren es im vergangenen Jahr 33 von 100.

Hunderte nicht anerkannte Flüchtlinge und Personen, die ihr Visum überzogen haben, landen für Monate oder gar für Jahre in Auffanglagern, deren Bedingungen so harsch sind, dass der UNO-Menschenrechtsrat sie als Verletzung des internationalen Rechts kritisiert. Im Frühjahr erregte der Tod einer Frau aus Sri Lanka Aufsehen, der in einem Auffanglager adäquate medizinische Hilfeleistung verweigert worden war. 2019 war ein Mann aus Nigeria, der mehr als drei in Ausschaffungshaft verbracht hatte, im Hungerstreik gestorben.