Interview
Sexueller Missbrauch: «Andere Themen sind für den Papst zentraler»

Pater Hans Zollner, der oberste Kinderschützer des Vatikans, glaubt, die Katholische Kirche habe grosse Fortschritte gemacht im Kampf gegen Verbrecher in den eigenen Reihen. An Papst Franziskus hat er dennoch eine ganz konkrete Forderung.

Interview: Virginia Kirst, Rom Jetzt kommentieren
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Mit einem neuen Institut in Rom will die Katholische Kirche das Missbrauchsproblem bekämpfen.

Mit einem neuen Institut in Rom will die Katholische Kirche das Missbrauchsproblem bekämpfen.

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Pater Hans Zollner, 55, ist der oberste Kinderschützer im Vatikan und ein enger Berater des Papstes in Missbrauchsfragen. Seit kurzem leitet er das Safeguarding Institute in Rom, das Kirchenmitarbeiter dazu ausbildet, Missbrauchsfälle zu verhindern. Die Enthüllungen im Oktober über den Missbrauch an bis zu 330000 Kindern und Jugendlichen in der französischen Kirche haben dem Thema eine neue Dynamik verliehen. Noch im selben Monat wurde das Safeguarding Institute gegründet.

Findet das Thema Missbrauch im Vatikan genug Beachtung?

Hans Zollner: Man muss bedenken, wie weit wir schon gekommen sind. 2012 haben wir in Rom an der Universität Gregoriana den ersten Kongress für die Führungsebene der Katholischen Kirche zu Missbrauchsfragen abgehalten. 2019 folgte der zweite Kinderschutzgipfel; diesmal auf Einladung des Papstes im Vatikan. Franziskus hat alle Sitzungen besucht und die Abschlussrede gehalten. Klar ist, dass der Vatikan das Thema Missbrauch nicht länger abtut.

Aber an den Strukturen in der Katholischen Kirche, die diesen Missbrauch hervorgebracht haben, hat sich nichts geändert.

Bald nach der Konferenz wurde ein neues Kirchengesetz erlassen. Es bestraft die Vertuschung von Missbrauch durch Leitungsfiguren in der Kirche. Ausserdem darf das päpstliche Geheimnis nicht mehr bei Missbrauchsfällen angewandt werden. Das heisst: Wenn ein Staatsanwalt oder eine Regierung Akten anfordert, müssen die jetzt rausgerückt werden.

Sind diese Änderungen Papst Franziskus’ Verdienst?

Er hat die Rechenschaftspflicht und Transparenz auf ein ganz neues Niveau gehoben. Franziskus hat auch neue Themen wie etwa den Missbrauch an Ordensfrauen durch Priester auf die Agenda gesetzt und sich immer wieder mit Opfern getroffen. Ich war selbst schon als Übersetzer dabei, als er Missbrauchsopfer traf. Ich habe gesehen, wie er sie aufnimmt, ihnen zuhört, sich alles sagen lässt und Wutausbrüche erträgt.

Papst Franziskus hat aber auch grosse Fehler gemacht. Etwa, als er 2018 die Missbrauchsanschuldigungen gegen einen Priester in Chile nicht ernst genommen hat, die sich später als wahr erwiesen haben.

Dafür hat er sich entschuldigt. Er sagt selbst, dass er eine steile Lernkurve hinter sich hat. Man darf nicht vergessen, dass er aus Argentinien kommt und 85 Jahre alt ist. Er gehört einer anderen Generation an, und andere Themen sind für ihn zentraler. Die Armut etwa, die sozialen Ungerechtigkeiten, Fragen der Migration und der Ökologie stehen für ihn an erster Stelle.

Der Kinderschutzexperte Pater Hans Zollner

Der Kinderschutzexperte Pater Hans Zollner

Rebecski / Wikimedia

Was müsste der Papst zusätzlich unternehmen?

Aus unserer Sicht bräuchte es viel mehr Konsequenz bei der Einforderung dessen, was durch die Gesetze schon möglich ist. Er könnte den Betroffenen etwa einen Platz im Prozessrecht verschaffen.

Und was sollen die Verantwortlichen in der Katholischen Kirche weltweit inskünftig anders machen?

Die ethisch-moralische Verantwortung hat in der Kirche eine andere Dimension als in einem Sportverein oder einer staatlichen Schule. Daraus müssen wir Konsequenzen ziehen. Doch wir dürfen nicht vergessen, dass es schon sehr viele Leute in der Katholischen Kirche gibt, die dafür sorgen, dass sie für Kinder und Jugendliche ein sicherer Ort ist.

Sie weisen immer wieder auf die Verantwortung der Landeskirchen bei der Missbrauchsaufarbeitung hin. Nachdem gerade die französische Kirche einen Missbrauchsbericht vorgelegt und die portugiesische Kirche die Aufarbeitung angekündigt hat, haben Sie die italienische Bischofskonferenz aufgerufen, es ihnen gleichzutun. Ohne Erfolg.

Die italienische Kirche ist Teil der italienischen Gesellschaft, und diese hat sich bisher noch nicht dem Thema gestellt. Ich glaube, das liegt an den kultur-spezifischen Elementen. «Non fare brutta figura» («Mach ja keine schlechte Figur») ist hier ein Lebensmotto. Auch in anderen Ländern macht man nicht gern eine schlechte Figur. Aber in Italien ist es das elfte Gebot. Es gilt, Skandale um alles in der Welt zu verhindern. Wenn es um den Schutz von Kindern und Jugendlichen geht, ist das ein grosses Problem.

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