IMPFSTOFF-STREIT
Briten haben Vertrag einen Tag später unterschrieben: Lässt sich die EU von Astrazeneca auf der Nase rumtanzen?

Der Vertrag von Impfstoff-Hersteller Astrazeneca mit den Briten unterscheidet sich kaum von jenem mit der EU. Trotzdem gibt es für die Europäer viel weniger Impfdosen. Warum?

Remo Hess aus Brüssel
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Für seine Landsleute gibt es genug: Der britische Premier Boris Johnson mit einer Ampulle Astrazeneca-Impfstoff.

Für seine Landsleute gibt es genug: Der britische Premier Boris Johnson mit einer Ampulle Astrazeneca-Impfstoff.

Keystone

Das Argument von Astrazeneca-Chef Pascal Soriot war einfach: Die Briten waren drei Monate schneller als die EU. Deshalb erhalten sie auch früher mehr Impfdosen als die EU. Und ohnehin: Im Vertrag mit Brüssel habe sich der Impfstoffhersteller nicht zu verbindlichen Liefermengen bekannt, sondern bloss dazu, es «nach besten Kräften» («Best Effort») zu versuchen. Deshalb könne man der Firma jetzt auch keinen Vorwurf machen, dass sie statt 80 Millionen Impfdosen bloss 31 Millionen im ersten Quartal des Jahres liefern will.

Nur: So einfach ist es dann doch nicht. Wie Recherchen des Fernsehsenders «CNN» zeigen, haben die Briten nämlich einen weitgehend ähnlichen Vertrag mit Astrazeneca abgeschlossen wie die EU. Auch bei den Briten ist in Bezug auf die Liefermenge von «Best Effort» die Rede. Und: Der Vertrag wurde vielleicht früher aufgesetzt. Unterschrieben wurde er aber erst am 28. August und damit sogar einen später als jener der EU.

Warum also erhalten die Briten viel mehr Impfdosen als die Festlandeuropäer? Steht irgendwo im britischen Vertrag, dass das Vereinigte Königreich im Fall von Lieferengpässen den Europäern vorgezogen wird? Diese Frage stellt man sich zurzeit in Brüssel und man dürfte Astrazeneca schon bald um Antworten bitten.

Was für einen Deal hat er mit den Briten? Astrazeneca-Chef Pascal Soriot.

Was für einen Deal hat er mit den Briten? Astrazeneca-Chef Pascal Soriot.

Keystone

Nordirland gerät im Impfstoff-Streit zwischen die Fronten

Der Impfstoff-Streit hatte in den vergangenen Woche nicht nur zu Zoff zwischen der EU-Kommission und Astrazeneca geführt. Auch im Verhältnis zu Grossbritannien gingen die Wogen hoch. Ende Januar führte die EU-Kommission eine Export-Kontrolle für in der EU produzierten Impfstoff ein. Solange man die eigenen Bedürfnisse nicht erfüllen kann, sollen keine Impfstoffe mehr exportiert werden.

Als kapitalen Fehler erwies sich, dass das britische Nordirland von diesem Mechanismus nicht ausgenommen und damit eine harte Grenze in der ehemaligen Bürgerkriegsregion in Kauf genommen wurde. Nach einem Aufschrei der Empörung hatte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen diesen Fehler eiligst korrigiert. Der politische Schaden aber war angerichtet.

Zuletzt hat sich der Streit insofern etwas entschärft, weil wegen der mutmasslich tieferen Impfwirkung das Astrazeneca-Produkt in Europa anscheinend weniger nachgefragt wurde. In Deutschland zum Beispiel machten zuletzt Meldungen die Runde, dass der Impfstoff zunehmend ungenutzt liegen bleibe.

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