Hartes Schicksal
160 Millionen Kinder müssen arbeiten: Pandemie sorgt für traurigen Rekord

Noch vor kurzem schien es, als hätte die Welt das Problem in den Griff gekriegt. Doch die Hoffnung ist verflogen.

Markus Schönherr, Kapstadt
Merken
Drucken
Teilen
Mustakin, 10, muss in Bangladesch in einer Gerberei schuften.

Mustakin, 10, muss in Bangladesch in einer Gerberei schuften.

Bild: Getty

Noch heute schmerzt ihr Rücken von dem schweren Korb, den sie über Jahre auf ihrem Kinderkopf trug. «Ich atmete auch Pestizide ein», erzählt Molly Namirembe. Die Uganderin schuftete als Kind auf einer Teeplantage, nachdem sie mit elf Jahren zu Vollwaisen wurde. Heute kämpft Namirembe als Sozialarbeiterin gegen den Einsatz von Kinderarbeitern in ihrer ostafrikanischen Heimat. Das ist keine leichte Aufgabe. Denn die Coronapandemie hat die Praxis ausgerechnet im «Internationalen Jahr gegen Kinderarbeit 2021» erneut aufleben lassen.

Am Samstag feiert die UNO den Welttag gegen Kinderarbeit. Wobei es im Covid-Jahr kaum etwas zu feiern geben dürfte, erinnert Cynthia Samuel-Olonjuwon. Sie ist Afrika-Direktorin der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO). «In der Pandemie bleiben Schulen geschlossen, die Armut nahm zu, was dazu führte, dass viele Eltern ihre Kinder statt zur Schule zur Arbeit schickten», erzählt die UNO-Diplomatin.

Bis 2016 sah alles prima aus

Das UNO-Kinderhilfswerk Unicef geht davon aus, dass weltweit rund 160 Millionen Kinder arbeiten müssen, gut acht Millionen mehr als noch vor vier Jahren. Die meisten von ihnen verdienen ihren Hungerlohn in der Landwirtschaft. Besonders tragisch ist der Trend, weil es zuvor lange so aussah, als sei die Weltgemeinschaft im Kampf gegen die Kinderarbeit auf einem guten Weg. Laut der UNO sank die Zahl der Kinderarbeiter zwischen 2000 und 2016 um 94 Millionen.

Nicht zuletzt sind es die zahlreichen bewaffneten Konflikte in Afrika, die den Kontinent so anfällig machen für das Problem. Kinder in Konfliktgebieten haben eine um 77 Prozent erhöhte Chance, zu Zwangsarbeit verdonnert zu werden, rechnet die UNO vor.

Afrika macht vorwärts – aber nur auf dem Papier

Afrika hat etliche Meilensteine gegen Kinderarbeit erzielt – bislang grösstenteils aber nur auf dem Papier. Alle Staaten ratifizierten etwa die Konvention zur Eliminierung der schlimmsten Arten von Kinderarbeit. Der politische Wille zur Umsetzung der progressiven Gesetze fehlt aber vielerorts.

UNO-Diplomatin Cynthia Samuel-Olonjuwon ist besorgt.

UNO-Diplomatin Cynthia Samuel-Olonjuwon ist besorgt.

Foto: ILO

Nötig dazu seien neue Investitionen der Regierungen, sagt die UNO-Diplomatin Cynthia Samuel-Olonjuwon. Armut sei dabei keine Ausrede für Afrikas Politiker: «Diese Investitionen schaffen eine bessere Zukunft für alle. Indem wir Kinderarbeit beenden, schaffen wir gebildetere und produktivere Arbeitskräfte, die zu nachhaltigem Wachstum beitragen.»

Dazu seien auch Konsumenten und Regierungen im Westen gefragt. Die Resultate afrikanischer Kinderarbeit kommen nämlich oft über die Wertschöpfungskette: der Kakao in der Tasse, der Tabak in der Zigarette, der Goldring am Finger – westliche Konsumierende können bei genauem Hinschauen ihren Beitrag dazu leisen, dass der traurige Trend bei den Kinderarbeitern stoppt.