Grossbritannien
Sie soll politische Absichten haben: Wie mächtig ist Boris Johnsons 33-jährige Ehefrau?

Carrie Symonds steht im Verdacht, ihren Gatten nach links zu zerren – umso mehr, seit Boris Johnson am Samstag «Ja» gesagt hat.

Sebastian Borger, London
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Haben am Samstag geheiratet: Carrie und Boris Johnson.

Haben am Samstag geheiratet: Carrie und Boris Johnson.

AP

Eines immerhin passiert Carrie Symonds schon lange nicht mehr: von einem der einst berühmtesten englischen Zeitungskolumnisten als dämliche Blondine abqualifiziert zu werden. Das geht schon deshalb nicht, weil der besagte Ex-Journalist Boris Johnson, 56, seine Kolumnistentätigkeit gegen ein weit einflussreicheres Amt eingetauscht hat.

Am vergangenen Samstag nun trat der britische Premier mit der 33-Jährigen vor den Traualtar der katholischen Kathedrale von Westminster. Damit gehört die neue Mrs Johnson zum exklusiven Zirkel von drei Frauen, mit denen Grossbritanniens amtierender Regierungschef im Lauf der Jahre die Ehe eingegangen ist. Glaubt man an die Sophistereien der katholischen Kirche, handelt es sich hier allerdings um Ehe Nummer Eins. Schliesslich wurden die ersten beiden nicht von einem katholischen Priester abgesegnet.

Einst beriet sie konservative Minister

Am Glück des frischvermählten Paares liessen die wenigen, auf sozialen Netzwerken kursierenden Fotos jedenfalls keinen Zweifel. In den Medien des Landes gab Johnsons öffentliches Bekenntnis zur Mutter des gemeinsamen Sohnes Wilfred einer anderen Interpretation von Symonds’ Rolle neue Nahrung: Die politisch erfahrene Instagram-Jüngerin nehme in der Downing Street eine politisch unbekömmliche, weil viel zu einflussreiche Stellung ein, so die Sorge. Tatsächlich verfügt Symonds über breite politische Erfahrung als Pressechefin der Torys und PR-Beraterin konservativer Minister.

Die beiden haben einen gemeinsamen Sohn: Wilfred.

Die beiden haben einen gemeinsamen Sohn: Wilfred.

AP

Selbst literarisch wenig gebildeten Briten fällt beim Stichwort der politischen Ehefrau sofort Shakespeare ein: Lady Macbeth als sinistre, ehrgeizige Figur, die mittels ihres sexuellen Einflusses den wohlmeinenden Mann zu immer neuen Schandtaten anfeuert. Entsprechende Anspielungen müssen sich die Frauen von Premierministern stets gefallen lassen, sobald sie als politisch interessiert oder gar politisch versiert bekannt sind.

Das betraf besonders Cherie, die Frau des Labour-Premiers Tony Blair (1997-2007). Sie bestand – shocking! – darauf, in ihrem Berufsleben als brillante Kronanwältin weiterhin Ms Booth zu bleiben. Hingegen nahm an Theresa Mays (2016-19) Ehemann Philip niemand Anstoss, obwohl er bekanntermassen ein eminent wichtiger Berater seiner Frau war und dafür sogar den Ritterschlag erhielt. Ähnliche Ehrungen für die Gattinnen der Premierminister sind ausgeblieben.

Hat sie Johnson im heiklen Moment abgelenkt?

Symonds bewegt sich also in einem noch immer ausgesprochen männlich geprägten Umfeld. Davon macht Johnson nur bedingt eine Ausnahme: Sein Beraterkreis besteht überwiegend aus Männern.

Klassischer Macho-Mann war vor allem der frühere Chefberater Dominic Cummings. Nach seiner Entlassung fütterte er die Medien mit der Enthüllung, dass Symonds und Johnson 74'000 Franken zusätzlich zu den staatlich erlaubten 38'000 Franken für die Umgestaltung ihrer Dienstwohnung ausgegeben haben, unter anderem für goldfarbene Tapeten.

Neben dieser echten Peinlichkeit verbreitete Cummings allerhand Unbewiesenes: Die damals noch Verlobte des Premiers habe Freunde in einflussreiche Positionen gehievt, durch ihre Schwangerschaft Johnson vom Kampf gegen die Corona-Pandemie abgelenkt und wegen einer trivialen Geschichte über ihren Hund Dilyn die Pressestelle der Downing Street verrückt gemacht. Verrückt sei nicht Symonds, findet die Telegraph-Kolumnistin Bryony Gordon: «Verrückt ist die nackte Frauenfeindlichkeit, die offenbar so normal ist, dass sie kaum jemandem auffällt.»

Für den Brexit und für mehr Nachhaltigkeit: Carrie Symonds.

Für den Brexit und für mehr Nachhaltigkeit: Carrie Symonds.

AP

Hinter den Angriffen gegen die junge Frau des Regierungschefs, vermutet Ex-Staatssekretärin Anna Soubry, stecke zudem eine politische Absicht. Symonds unterstützte den Brexit und gilt als Fiskal-Konservative. Mit vielen Angehörigen ihrer Generation teilt sie aber auch das brennende Interesse am Klimaschutz, an Nachhaltigkeit und gesunder Ernährung. Dies ist den Rechtsaussen der Partei ein Dorn im Auge, wie Ben Harris-Quinney von der Bow Group unter Beweis stellte, als er eine «dringende Untersuchung» von Symonds’ Rolle in der Regierungszentrale forderte.

Der Zorn der alten Garde

Neben dem Misstrauen gegen eine kluge, junge Frau verraten solche Bedenken das geringe Vertrauen vieler Erzkonservativer in Boris Johnson. Der setzte zwar den harten Brexit durch, vertritt aber seit langem progressive Positionen etwa bei der Gleichstellung von Mann und Frau oder bei der Schwulenehe – anders hätte es der Konservative kaum geschafft, in der linksliberalen Hauptstadt zweimal das Rathaus zu erobern. Auch wie grosszügig die Regierung in der Pandemie an viele Berufsgruppen Staatsgelder verteilt, treibt altgedienten Thatcheristen die Zornesröte ins Gesicht.

Ein «pragmatischer Tory» eben, urteilt Johnsons Biograph Andrew Gimson. Daran wird auch die neue Mrs Johnson wenig ändern, wie gross auch immer ihr Einfluss sein mag.

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