Griechenland
Gewusst wie: Griechische Steuerfahnder gehen bei den Deutschen in die Lehre

Gerd Höhler, Athen
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Griechenlands Kampf mit den Steuereinnahmen. (Archiv)

Griechenlands Kampf mit den Steuereinnahmen. (Archiv)

Keystone/EPA ANA-MPA/YANNIS KOLESIDIS

Strandmassage ist ein einträgliches Geschäft und steuerfrei, dachte eine Asiatin, die ihre Dienste auf der griechischen Insel Rhodos anbot. Bis ein Team von Steuerfahndern erschien, begleitet von Polizisten. Die Masseuse flüchtete sich schwimmend in die Wellen. Während die Polizei noch beratschlagte, die Küstenwache zu alarmieren, sprang eine Steuerfahnderin kurz entschlossen ins Wasser und zog die widerspenstige Masseuse an Land – viel Einsatz für einen kleinen Fang.

Wie man auch grosse Fische fängt, hoffen 25 griechische Steuerfahnder diese Woche in Nordrhein-Westfalen zu erfahren. Sie werden seit Montag in einer Fortbildungsakademie der Finanzverwaltung NRW von deutschen Kollegen geschult. Themen des einwöchigen Weiterbildungskurses: Steuerfahndung, Betriebsprüfung und Korruptionsbekämpfung.

Konten bei der UBS

Zum Auftakt kamen am Sonntag der griechische Vize-Finanzminister Tryfon Alexiadis und der Generalsekretär für Korruptionsbekämpfung, Giorgos Vassiliadis, nach Düsseldorf und trafen mit NRW-Finanzminister Norbert Walter-Borjans zusammen. Im Januar hatte Walter-Borjans in Athen ein Abkommen über eine gegenseitige Unterstützung der Steuerbehörden Griechenlands und Nordrhein-Westfalens unterzeichnet.

Der NRW-Finanzminister ist vielen Griechen kein Unbekannter, seit im Herbst 2015 in Athen die «Borjans-Liste» eintraf. Sie enthält Datensätze von 10 588 Griechen mit Konten bei der Schweizer Grossbank UBS. Viele Griechen hatten in den Krisenjahren grosse Beträge ins Ausland geschafft – oft unversteuertes Schwarzgeld. Gegen rund 1000 Kontoinhaber hat die griechische Staatsanwaltschaft bereits Anklagen erhoben, weitere 5000 Ermittlungsverfahren laufen.

«Krieg gegen Steuerhinterziehung»

Die Griechen gelten als Europameister im Volkssport Steuerhinterziehung. Fachleute schätzen ihr Volumen auf 16 Milliarden Euro im Jahr. Das entspricht etwa einem Drittel der tatsächlich eingetriebenen Steuern. Von der engen Zusammenarbeit mit NRW verspricht man sich im griechischen Finanzministerium Erfolge im «Krieg gegen die Steuerhinterziehung», wie Vize-Justizminister Dimitris Papangelopoulos sagt: «Jetzt haben wir endlich die richtigen Waffen!»

Während die Ermittler die «Borjans-Liste» durchforsten, stellte das Finanzministerium jetzt ein weiteres, nicht minder interessantes Verzeichnis ins Internet: Die «Liste der Schande», wie sie genannt wird, enthält die Namen von fast 14 000 Steuersündern, die dem Fiskus Beträge von mehr als 150 000 Euro schulden. Die unbezahlten Forderungen des Fiskus haben sich seit 2011 von 44 auf 88 Milliarden Euro verdoppelt. Das entspricht fast 200 Prozent der letztjährigen Steuereinnahmen oder 50 Prozent des griechischen Bruttoinlandsprodukts (BIP).

Das Thema «Vollstreckung von Forderungen» steht zwar auch auf dem Stundenplan des Fortbildungskurses, den die griechischen Steuerbeamten jetzt in NRW absolvieren. Aber Fachleute des Athener Finanzministeriums schätzen, dass von den offenen Forderungen allenfalls ein Zehntel eingetrieben werden kann. Denn viele der Schuldner sind längst pleite – oder verstorben.

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