Gastbeitrag
«Tel Aviv wird wieder auferstehen» – ein Erlebnisbericht aus der attackierten Stadt

Der Nahost-Konflikt zwischen Israel und der Hamas ist in den letzten Tagen neu entflammt. Eine Autorin beschreibt, wie sie die letzten Tage in Tel Aviv in Israel erlebt hat.

Katharina Höftmann Ciobotaru*
Katharina Höftmann Ciobotaru*
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Ob Tel Aviv bald wieder zu jener Kultur- und Feierstadt wird, für die sie bekannt ist?

Ob Tel Aviv bald wieder zu jener Kultur- und Feierstadt wird, für die sie bekannt ist?

EPA / Keystone

Seit Montagabend gab es Warnungen, dass die Hamas Raketen Richtung Tel Aviv schiessen wird. Am Dienstag ist das dann passiert. Es war ein Angriff, wie wir ihn noch nie erlebt hatten. Bei anderen Angriffen feuerte die Hamas jeweils eine oder zwei Raketen ab, die vom israelischen Abwehrschild neutralisiert werden. In unserer Wohnung haben wir ein Bunkerzimmer, in das wir uns dann jeweils zurückziehen.

Am Dienstag wars ganz anders. Die Hamas hat innerhalb kürzester Zeit Hunderte Raketen nach Tel Aviv geschickt, es war ein absoluter Ausnahmezustand. Die ganze Stadt hat gewackelt, es waren überall Explosionen zu hören. Das Abwehrschild konnte nur etwa 90 Prozent der Raketen abfangen. Wir haben die ganze Zeit im Bunkerzimmer ausgeharrt. Das ist auch das Zimmer, in dem unsere beiden Kinder (4 und 7) schlafen. Es war sehr, sehr bedrohlich. Ich habe hier in Israel schon viele Angriffe erlebt, aber das war der Schlimmste seit langer Zeit. Wir hatten grosse Angst.

Zur Person

Katharina Höftmann
PD / Kat Kaufmann

Katharina Höftmann

Die 36-Jährige ist Autorin und Psychologin und wohnt in Tel Aviv.

Um drei Uhr nachts kam eine neue Raketensalve. Mehrere Menschen kamen ums Leben. Heute sind alle Schulen und Kindergärten geschlossen. Die Stadt ist wie leergefegt. Es ist wie zu den strengsten Corona-Lockdown-Zeiten. Man geht nur raus, wenn man etwas Wichtiges zu tun hat. Alle wappnen sich dafür, dass es jederzeit wieder losgehen könnte. Wir haben Angst, dass das Raketenabwehrschild beim nächsten Angriff wieder nicht alle Raketen abfangen kann.

Angst machen mir auch die Auseinandersetzungen auf den Strassen in gemischten Städten in Israel, zum Beispiel in Jaffa im Süden von Tel Aviv, wo arabisch-stämmige Israelis bürgerkriegsähnliche Zustände herbeischwören. Es wird geschossen, Molotowcocktails werden in Wohnungen geworfen. Die Situation ist sehr fragil und beängstigend.

Ob Tel Aviv bald wieder zu jener Kultur- und Feierstadt wird, für die sie bekannt ist? Auf jeden Fall! Tel Aviv ist wie ein Axolotl (Anmerkung: ein Lurch, der verletzte Gliedmassen abstossen und nachwachsen lassen kann): Die verletzten Teile fallen ab und neue bilden sich aus, da mache ich mir gar keine Sorgen.