Umweltkatastrophe
Fünf Jahre nach Deepwater Horizon: offene Wunden am Golf von Mexiko

Vor fünf Jahren explodierte die Ölbohrplattform Deepwater Horizon – erholt davon hat sich die Region noch nicht.

Renzo Ruf, Grand Isle, Louisiana
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Ölpest im Golf von Mexiko - Deepwater Horizon
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Die Bohrinsel «Deepwater Horizon» sank im Golf von Mexiko und löste eine gigantische Ölpest aus
 Barrieren gegen Ölpest
 Die Grafik einer amerikanischen Umweltbehörde zeigt eindrücklich, wie sich die 4000 Öl- und Gasbohrtürme der Küste entlang ziehen.
 Die grösste Bohrinsel der Welt, die Thunderhorse, wurde 2005 von einem Orkan beschädigt. Passiert ist zum Glück nichts.
 Die einstige Piratenbucht Barataria Bay am 8. Juni: Vom Öl eingeschlossen.
 Boote verbrennen gezielt einzelne Ölflecken im Wasser.
 Die Transocean Discover Enterprise wird direkt über der gesunkenen Bohrinsel Deepwater Horizon eingesetzt, um natürlich aufsteigende Gase zu verbrennen.
Das Öl strömte lange aus
Öl an der Küste von Louisiana
Ölpest im Golf von Mexiko
Ölpest im Golf von Mexiko
Ölpest im Golf von Mexiko
Ölpest im Golf von Mexiko
Ein brauner Pelikan wird von Öl befreit Ein brauner Pelikan wird von Öl befreit
EIn Kind schaut Männern zu, die am Strand von Dauphin Island nach Ölklumpen suchen EIn Kind schaut Männern zu, die am Strand von Dauphin Island nach Ölklumpen suchen
Mit allen Mitteln wird gegen die Ölpest angekämpft Mit allen Mitteln wird gegen die Ölpest angekämpft

Ölpest im Golf von Mexiko - Deepwater Horizon

Keystone

Karl Thayer sitzt am aufgeräumten Schreibtisch und schaut gedankenverloren in die Ferne. In der Luft liegt Ferienstimmung. Dann holt der Mittsechziger tief Atem und sagt: «Wenn man ein gut eingespieltes System durcheinanderwirbelt, dann hat dies Folgen.»

Ein Blow-out von Gas, Schlamm und Öl

Die Ölbohrplattform Deepwater Horizon explodierte am 20. April 2010 rund 180 Kilometer südlich von Port Fourchon (Louisiana) entfernt. Elf Menschen starben. Erst Mitte September gelang es, das Bohrloch zu stopfen. Da waren aber bereits mehr als 500 Mio. Liter Öl in den Golf von Mexiko geflossen. Verantwortlich für den Unfall war BP, die Betreiberin der Plattform. Transocean, die Besitzerin, und Halliburton, verantwortlich für das fehlerhafte Bohrloch, gingen aussergerichtliche Vergleiche ein.

Thayers Bemerkung bezieht sich auf den Immobilienmarkt in Grand Isle, einem Dorf mit 1200 Einwohnerinnen und Einwohnern an der Südspitze des Bundesstaates Louisiana.

Das Geschäft mit Ferienhäusern in der abgeschiedenen Destination harzt – was auch auf die Ölpest im Jahr 2010 zurückzuführen sei, wie der langjährige Immobilienmakler sagt. Denn Grand Isle diente damals dem Ölkonzern BP als Basis für die gigantische Putzaktion im Nachgang zur Explosion der Plattform Deepwater Horizon. Stammgäste, die am lang gezogenen Sandstrand ihre Ruhe genossen hatten, wurden von der BP-Armee in die Flucht geschlagen, und kehrten nicht mehr zurück.

Aber eigentlich gilt die Einschätzung von Thayer – eine abgeschlossene Welt, die im Kern erschüttert wurde, braucht Zeit, um sich von einem Schock zu erholen – nicht bloss für Grand Isle, dem Fischerdorf. Vielmehr sucht die gesamte Golf-Küste von Port Arthur (Texas) im Westen bis Panama City (Florida) im Osten, die vor fünf Jahren das Epizentrum einer Umweltkatastrophe von historischem Ausmass bildete, nach einer neuen Normalität.

Und obwohl sich die Gemüter etwas beruhigt haben, und es viele Bewohner satthaben, über «British Petroleum» zu sprechen, wie der britische Konzern immer noch häufig genannt wird, ist ein Ende der Turbulenzen nicht abzusehen.

Das hat zwei Gründe. Erstens ist die juristische Aufarbeitung des Unglücks nicht abgeschlossen. Und die parallel verlaufenden Zivilverfahren sind derart komplex, dass selbst Beobachter bisweilen den Überblick zu verlieren drohen.

Klar ist nur, dass die Katastrophe BP bisher mehr als 30 Milliarden Dollar kostete. Eine weitere happige Rechnung wird wohl bald folgen: Wegen Verstössen gegen die Umweltschutzgesetzgebung könnte ein Bundesrichter den Ölmulti zur Bezahlung von bis zu 13,7 Milliarden Dollar verknurren.

Schadenausmass unbekannt

Zum andern ist offen, wie gross denn der Schaden ist, den die Ölpest im Golf von Mexiko verursachte. Der Hauptschuldige der Katastrophe sagt: «Die Gebiete, die betroffen waren, erholen sich, und Daten, die BP sammelte und analysierte, deuten nicht auf langfristige Auswirkungen auf bestimmte Tiergattungen im Golf hin.» So lautet das Fazit einer Studie, die der britische Ölmulti kürzlich veröffentlichte.

Umweltschützer und Regierungsstellen schenken BP aber keinen Glauben. Sie weisen stattdessen darauf, dass in den vergangenen Monaten entlang der Küste Tausende von Delfinen gestorben sind – eine beispiellose Anhäufung. Auch sind die Auswirkungen der Ölpest auf die menschliche Gesundheit nach wie vor weitgehend unerforscht. Offizielle Studien deuten aber darauf hin, dass Männer und Frauen, die sich 2010 an den Putzarbeiten beteiligten und in Kontakt mit Öl und Bindemittel kamen, nun unter gesundheitlichen Beschwerden litten. Die Bindemittel könnten zudem krebsfördernd sein.