USA
Er tötete drei Polizisten: Doch warum wurde Gavin Long zum Mörder?

Der junge Afroamerikaner und ehemalige Berufssoldat, der in Baton Rouge drei Polizisten tötete, hatte offenbar psychische Probleme. Eine Spurensuche.

Renzo Ruf, Cleveland (Ohio)
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Ein Angehöriger der Polizei von Baton Rouge trauert um seine ermordeten Kollegen.

Ein Angehöriger der Polizei von Baton Rouge trauert um seine ermordeten Kollegen.

Henrietta Wildsmith/AP/Keystone

Wann Gavin Long sich dazu entschied, das Heft in die Hand zu nehmen, wird wohl immer ein Geheimnis bleiben. Bekannt ist nur, dass der 29-Jährige noch in der vorigen Woche an friedlichen Demonstrationen gegen Polizeigewalt teilgenommen hatte – bevor er sich dann, am frühen Sonntagmorgen, in einen kaltblütigen Mörder verwandelte. Long tötete gegen 8.40 Uhr (Ortszeit) in Baton Rouge (Louisiana) drei Polizisten und verletzte drei Ordnungshüter.

Einer der Polizisten kämpfte gestern immer noch um sein Leben. Ein Sprecher der Polizei von Louisiana, der führenden Ermittlungsbehörde, sagte gestern Montag: Es gebe wenig Zweifel daran, dass Long das Ziel gehabt habe, die Ordnungshüter zu töten. Der Anschlag sei bis ins Detail geplant gewesen, sagte eine andere Quelle dem Nachrichtensender CNN.

Nicht negativ aufgefallen

Der junge Afroamerikaner Gavin Long war ein ehemaliger Berufssoldat. Er diente von 2005 bis 2010 in der Marineinfanterie, und war auch ein halbes Jahr in Irak stationiert. Im Gegensatz zu Micah Johnson, dem Mann, der vor zehn Tagen in Dallas fünf Polizisten ermordet hatte, scheint Long seinen Dienstkollegen aber nicht negativ aufgefallen zu sein. Er habe ehrenhaft gedient und sei ehrenhaft entlassen worden, hiess es gestern.

Seine Aktivitäten in den sozialen Medien deuten allerdings darauf hin, dass Long mit psychischen Problemen kämpfte. Er nannte sich «Cosmo Setepenra» und fertigte Videos an, in denen er sich über aktuelle Fälle von Polizeigewalt äusserte. So auch über die Erschiessung von Alton Sterling, der am 5. Juli in Baton Rouge getötet worden war. «Cosmo» sagte online, dass sich Afroamerikaner endlich mittels Gewalt dagegen wehren müssten, dass sie von der Polizei regelmässig schikaniert würden – sonst lerne ein Tyrann nie, wann genug sei. Er sei bereit, sich für dieses Ziel zu opfern.

Long wuchs in Kansas City (Missouri) auf. Sein letzter Wohnsitz befand sich in der Stadt im Mittleren Westen, die zwölf Autostunden von Baton Rouge entfernt ist. Die Zeitung «Kansas City Star» berichtete am Sonntag, dass er sich im Frühjahr 2015 um eine Namensänderung bemüht und sich in Gerichtsakten als «souveräner Bürger» bezeichnet habe. Angeblich identifizierte sich Long mit einer kruden Gruppe von Menschen, die der nationalen Regierung jegliche Legitimität absprechen und sich zum Beispiel weigern, Steuern zu bezahlen. Auch soll er Verbindungen zur antisemitischen Glaubensgemeinschaft Nation of Islam aufgewiesen haben.

Wann Long nach Baton Rouge reiste, war vorerst unklar. Bekannt ist nur, dass um 8.40 Uhr am Sonntagmorgen bei der Stadtpolizei ein Telefonanruf einging. Ein Mann mit einer Schnellfeuerwaffe paradiere entlang einer Ausfallstrasse, sagte der Anrufer. Es soll sich dabei nicht um einen Komplizen gehandelt haben. Die Polizei rückte aus, und wurde wenige Minuten später in einem Geschäftszentrum unter Beschuss genommen. Anfänglich hiess es, der Heckenschütze habe Komplizen gehabt. Diese Meldungen stellten sich allerdings in der Nacht auf Montag als falsch heraus. Long wurde gegen 8.50 Uhr getötet, am Tag, an dem er seinen Geburtstag feierte.

Montrell Jacksons Botschaft

Unter den Opfern seines Amoklaufs befand sich auch Montrell Jackson, ein Polizist dunkler Hautfarbe. Jackson hatte vor zehn Tagen auf Facebook eine höchst persönliche Botschaft publiziert, in der er sehr eloquent über die Schwierigkeiten geschrieben hatte, mit denen sich ein afroamerikanischer Polizist konfrontiert sieht. Er sei müde, sagte er, und habe es satt, dass er die Arbeit der Stadtpolizei von Baton Rouge ständig verteidigen müsse. Handkehrum spüre er, dass seine uniformierten Kolleginnen und Kollegen ihm plötzlich nicht mehr trauten, weil er eine andere Hautfarbe habe. «Ich schwöre zu Gott, dass ich diese Stadt liebe. Aber ich frage mich, ob diese Stadt mich liebt.»

Jackson war 32 Jahre alt und diente der Polizei von Baton Rouge seit zehn Jahren. Vor vier Monaten war er zum ersten Mal Vater geworden. Nun ist sein Bube, Mason, Halbwaise.