Modellstadt
Ein Utopia in der Wüste: Saudi-Arabian will für 500 Milliarden Planstadt aus Boden stampfen

Im Wüstensand von Saudi-Arabien soll eine 500 Milliarden teure Modellstadt entstehen. Das Projekt soll die Platznot im Land mit Häusern aus dem 3 D-Drucker lindern

Adrian Lobe
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Städte der Zukunft: Neom und Masdar City (im Bild) sollen sich dereinst als reine emissionsfreie Städte auszeichnen. HO

Städte der Zukunft: Neom und Masdar City (im Bild) sollen sich dereinst als reine emissionsfreie Städte auszeichnen. HO

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Das Vorhaben ist schon spektakulär, bevor der Grundstein gelegt wurde. Für 500 Milliarden Dollar will das Königreich Saudi-Arabien eine Planstadt aus dem Boden stampfen. Auf einer Fläche von 26 500 Quadratkilometern, mehr als zwei Drittel der Fläche der Schweiz, soll im Dreieck zwischen dem Golf von Akaba, dem Roten Meer und der saudischen Wüste eine Hightech-Stadt entstehen, die vollständig mit Strom aus erneuerbaren Energien versorgt wird.

Neom, wie das ambitionierte Projekt heisst, soll eine Modellstadt für nachhaltigen Urbanismus werden. Noch sind keine Pläne oder Darstellungen verfügbar, doch auf der Website der geplanten Stadt wird die Zukunft in rosigen Farben ausgemalt: 3-D-Druck, Sensoren, personalisierter, voll automatisierter Nahverkehr, Passagierdrohnen, selbstlernende Verkehrssysteme, alles mit grüner Energie.

Ein modernes Utopia soll Neom werden, ein Brückenkopf zwischen Afrika und Asien, eine Stadt, die ihren Bewohnern «komfortable Lebensbedingungen in einer idyllischen Gesellschaft» bieten will. Von «glitzernden Marinas», «rekordbrechenden Themenparks» und dem «weltgrössten Garten» ist die Rede.

Das vollautomatisierte Land

Der Staatsfonds Saudi Arabia Public Investment Fund verkündete diese Woche: «Alle Dienstleitungen und Prozesse in Neom werden zu 100 Prozent voll automatisiert sein, mit dem Ziel, die effizienteste Destination auf der Welt zu sein.» Kronprinz Mohammed bin Salman kam bei der Präsentation des Projekts ins Schwärmen. «Wir versuchen, nur mit Visionären zu arbeiten», sagte er. Der Kronprinz, der gegenüber seinem greisen Vater, König Salman, als Reformer gilt, will das Land in homöopathischen Dosen modernisieren und von der ultrakonservativen Staatsdoktrin des Wahhabismus lösen.

Zu den Investoren des Projekts gehören der Softbank-Gründer Masayoshi Son, dessen Unternehmen führend auf dem Gebiet der Robotik ist, sowie der Blackrock-CEO Stephen Schwarzman. Als Projektchef konnte der ehemalige Siemens-Vorstandschef Klaus Kleinfeld gewonnen werden, der zuletzt an der Spitze des USTechnologiekonzerns Alcoa und Arconic stand und nach einem Streit mit einem Hedgefonds zurücktreten musste.

Neom ist Teil des Zukunftsplans «Saudi Arabia’s Vision 2030», mit dem das Land seine immer noch stark von der Erdölförderung abhängige Wirtschaft diversifizieren will. Das Königreich hatte im vergangenen Jahr unter dem Verfall des Rohölpreises zu kämpfen und musste angesichts wachsender Defizite schmerzhafte Haushaltskürzungen vornehmen. Das Städtebauprojekt kann als eine Mischung aus Konjunktur- und Wohnbauprogramm betrachtet werden.

In den nächsten fünf Jahren werden laut einem Bericht von «Reuters» 1,5 Millionen Wohnungen fehlen. Der Grund liegt vor allem in der demografischen Entwicklung und Versäumnissen in der Städteplanung. Die Hauptstadt Riad platzt schon jetzt aus allen Nähten. Lebten hier 1970 noch 700 000 Menschen, ist die Bevölkerungszahl inzwischen auf sieben Millionen Bewohner angeschwollen. Wohnraum ist knapp – und teuer. In Dschidda entsteht derzeit der Jeddah Tower, der bei seiner Fertigstellung 2019 mit 1007 Metern das höchste Gebäude der Welt sein soll. Der Glanz des Turms soll über die ganze arabische Welt strahlen.

Für seine hochfliegenden Pläne hat die Herrscherfamilie für viel Geld Know-how aus dem Ausland eingekauft – nicht nur Star-Architekten wie Adrian Smith, der neben dem Jeddah Tower den Burj Khalifa in Dubai entworfen hat, sondern auch Technologie. Die chinesische Konstruktionsfirma WinSun, die im Emirat Dubai den Bau des ersten Bürogebäudes aus dem 3-D-Drucker realisierte, hat mit einer saudischen Auftragsfirma einen 1,5 Milliarden schweren Leasing-Vertrag über 100 3-D-Drucker geschlossen. Mit den Geräten will Saudi-Arabien 1,5 Millionen Häuser im Schnellverfahren «drucken». Inwieweit die Technologie in Neom zum Einsatz kommt, ist noch nicht bekannt.

Spielplatz: Wüste

Die Wüste scheint dabei ein ideales Exerzierfeld für städtebauliche Visionen zu sein. Die ägyptische Regierung errichtet vor den Toren Kairos eine neue Hauptstadt für fünf Millionen Einwohner, was nicht nur angesichts der hohen Baukosten von 30 Milliarden Dollar wie ein pharaonisches Bauprojekt anmutet. Und in Masdar in den Vereinigten Arabischen Emiraten soll ebenfalls für 22 Milliarden Dollar eine emissionsfreie Stadt in der Wüste entstehen.

Der Charme von Planstädten besteht darin, dass man bestimmte Gesellschaftsmodelle erproben und Planungsfehler a priori vermeiden kann. Man kann eine Stadt vom Reissbrett aus neu entwerfen: autofrei, klimaneutral, autark. Das hat besonders für Städtebauer seinen Reiz, die ihre Ideen in die Praxis umsetzen können.

Das Problem ist, dass die Hochglanzbroschüren, die den Investoren in die Hand gegeben werden, mit der städtebaulichen Realität oft wenig zu tun haben. Ein Augenschein vor Ort von WDR-Reportern in der Wüstenstadt Masdar City zeigte ein unfertiges Feld mit einem Dutzend Solarpaneelen sowie Beton-Skelette am Ende einer staubigen Asphaltpiste.

Es droht ein Grenz-Streit

In New Cairo stehen zahlreiche Häuser leer, bei denen man sich fragt, ob sie nach dem Regierungsumzug überhaupt bezogen werden. Und in China gibt es ganze Geisterstädte wie Ordos in der Inneren Mongolei. Ordos sollte eigentlich eine blühende Wüstenmetropole werden. Doch zuerst sprangen die Investoren ab. Und dann blieben auch die Menschen aus. Eine Planstadt zu errichten, bedeutet zwangsläufig, planwirtschaftlich vorzugehen. Prominente Beispiele wie Brasília, Canberra oder Chandigarh beweisen, dass das Modell durchaus funktionieren kann. Doch ein so komplexes, dynamisches System wie eine Stadt muss organisch wachsen und kann nicht ausschliesslich top-down geplant werden.

Auch bei Neom sind im Hinblick auf die Realisierbarkeit Fragezeichen zu setzen. In einem Jahrzehnt eine neue Stadt aus dem Boden zu stampfen, wie das mit Dubai geschah, ist ein äusserst ambitioniertes Vorhaben. Zumal das Territorium Gebietsstreitigkeiten provozieren dürfte. Denn das Bauland, auf dem die Megacity errichtet werden soll, umfasst die bis zuletzt von Ägypten beanspruchten und militärstrategisch bedeutsamen Inseln Tiran und Sanafir im Roten Meer.

Das ägyptische Parlament hat zwar im Juni die Übergabe der Inseln an Saudi-Arabien gebilligt und damit das ein Jahr zuvor beschlossene Demarkationsabkommen zwischen beiden Ländern ratifiziert. Doch die Abtretung ist in Ägypten innenpolitisch umstritten. Für Konfliktstoff dürfte überdies die Rechtsform des Projekts sorgen, das als eine private, steuerbefreite Sonderwirtschaftszone ausgestaltet werden soll. Unter dem politischen Druck der Offshore-Leaks könnte dies ein Entwicklungshemmnis sein. Fraglich ist auch, ob die Planer genügend Investoren an Land ziehen können, wo es mit Dubai und Abu Dhabi bereits attraktive Hubs und Finanzplätze mit Wachstumspotenzial in der Region gibt.

Bis 2025 soll die erste Bauphase beendet sein. Dann wird sich zeigen, ob Neom auf einem tragfähigen Konzept basiert – oder doch auf Sand gebaut ist.