«Deutschlandwahl: Wir radeln nach Berlin» (8)
Das Ende einer Reise durch ein unentschlossenes Land – wer ab nächster Woche regiert, bleibt offen

Beinahe wäre es bei den deutschen Bundestagswahlen zu einer grünen Sensation gekommen. Eindrücke einer Velotour durchs Autoland.

Pascal Ritter, Berlin
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Am Ende macht wohl einer von Ihnen das Rennen: Armin Laschet (CDU) oder Olaf Scholz (SPD).

Am Ende macht wohl einer von Ihnen das Rennen: Armin Laschet (CDU) oder Olaf Scholz (SPD).

Kay Nietfeld / dpa

Die letzten Meter sind chaotisch. Berlin, Verkehrschaos, rot, grün, Stop and Go. Ich bin müde von den 800 Kilometern Fahrt von Kreuzlingen durch Deutschlands Dörfer und Städte. Die Deutschen sind müde vom Wahlkampf. In einer Zeitung steht, dass 89 Prozent der Befragten froh sind, dass es am Sonntag endlich vorbei ist. Für mich war es eine Fahrt durch ein unentschlossenes Land. Für die Deutschen war dieser Wahlkampf ein ständiges Hin und Her, Auf und Ab von Kandidaten und Parteien.

«Wir radeln nach Berlin»

Dieser Bericht ist  der letzte Teil einer Serie zu den deutschen Bundestagswahlen vom 26. September. Reporter Pascal Ritter fährt von Kreuzlingen nach Berlin und berichtet von unterwegs.

Am Strassenrand steht Olaf Scholz. Treuherzig schaut er von einem roten Wahlplakat der SPD. Die Hände hat er übereinandergelegt, sodass man seinen Ehering sieht. Wie ein guter Radprofi versteckte er sich während des Wahlkampfs für die Bundestagswahlen unauffällig im Feld der Konkurrenten.

Als sich die Grünen und die CDU aneinander abarbeiteten, bis sie müde Beine hatten, war von Scholz nichts zu sehen. Erst auf den letzten Metern kam er aus dem Windschatten. Ob er aber am Sonntag vor Armin Laschet von der CDU ins Ziel kommt, ist offen.

Forstwirt Erich Kolb aus Bayern wählt nun die Grünen

Ich erinner mich an Heinrich Kolb. Ich traf den 71-Jährigen auf einem Hügel im bayrischen Fichtelgebirge, irgendwo auf der Strecke zwischen Bayreuth und Hof. Er stand da in einem karierten Hemd, auf dem Kopf eine Tächlikappe, in der Hand eine Mistgabel. Er besitzt ein paar Hektaren Land und bezeichnete sich lächelnd als «Kleingrundbesitzer». Die CSU, die einst in Bayern absolute Mehrheiten holte, wähle er nicht mehr. Er tendiere zu den Grünen.

Heinrich Kolb, 71, wählt nun Grün wegen seiner Bäume.

Heinrich Kolb, 71, wählt nun Grün wegen seiner Bäume.

Er ist nicht vom Intellektuellen Robert Habeck fasziniert, sondern von Annalena Baerbock, die sich während des ganzen Wahlkampfes anhören musste, dass sie bei den älteren und ländlichen Wählern nicht ankomme. Als Begründung für seine politische Präferenz führte Kolb seine Bäume an. Es sei zu trocken für sie geworden, man spüre im Fichtelgebirge den Klimawandel. Es sei Zeit, etwas zu tun.

Die Mühen der Ökopartei im Autoland

Die Anekdote zeigt: Den Grünen ist es gelungen, sich aus ihrem Milieu zu lösen und Leute wie Heinrich Kolb zu überzeugen. Ihr Umfrageabsturz von der beliebtesten Partei zur Nummer drei hinter CDU/CSU und SPD lenkt davon ab, dass auch die aktuelle 16-Prozent-Stärke eine Verdoppelung der Stimmen bedeuten würde. «Kommt, wir ändern die Politik», luden die beiden Parteivorsitzenden Baerbock und Habeck die Deutschen in Konstanz, Ulm, Bayreuth und Potsdam ein. Wie viele werden der Einladung folgen?

Mit jedem Auto, das mir auf der weiteren Fahrt entgegenkam, wurde mir klarer, warum das am Ende eben doch nicht so viel sein werden. Deutschland ist ein Autoland. Auf 100 Einwohner kommen 54 Autos und nur ein verschwindend kleiner Teil der Flotte fährt elektrisch. Der PKW (Personenkraftwagen), wie es in Deutschland so schön heisst, prägt die Landschaft.

Lidl, und Aldi stehen nicht im Ortskern, sondern am Dorfrand und verfügen über grosse Parkplätze. So etwas wie einen Volg, gibt es kaum. Und selbst in hippen Studentenstädten wie Leipzig staunt man über die vielen Parkplätze. Der öffentliche Verkehr ist in einigen Gegenden wegen dünnem Fahrplan oder eingestellter Linien eine eher mühsame Alternative.

Die seltsame Unentschlossenheit der Deutschen

Steigt der Benzinpreis, wie am lautesten von den Grünen gefordert, spüren das viele Deutsche direkt im Portemonnaie. Im urbanen Konstanz mag Habeck dieses Argument mit dem Verweis auf Velos, Elektroautos und Windkraftwerke abtun, 500 Kilometer nördlich, im ostdeutschen Gera, zieht dies kaum. Das war der lokalen Grünen-Kandidatin, Doreen Rath, vom Gesicht abzulesen, als sie am vergangenen Sonntagmorgen vor Unternehmern der Region sprach. Die dortige Industrie- und Handelskammer hatte die lokalen Kandidaten zur Diskussion eingeladen.

Vor der Tür stand ein weiss-blauer Pick-up-Truck mit dem Logo der Alternative für Deutschland (AfD) und der Aufschrift «Politischer Notdienst». Drinnen gab es Häppchen und Mineralwasser. Das Publikum war sich einig: Die Energiepreise dürfen nicht steigen. Sonst geht es der Region schlecht. Rath sprach von Umweltinnovationen und plädierte noch für einen Führerschein ab 16 Jahren, doch das half auch nicht mehr. Die Meinungen waren gemacht.

Endlich angekommen, wo alle hinwollen: Reichstagsgebäude in Berlin.

Endlich angekommen, wo alle hinwollen: Reichstagsgebäude in Berlin.

rit

Ich rolle die letzten Meter zum Reichstag. Dorthin, wo all die Gesichter von den Plakaten hinwollen. Wer hier ab nächster Woche regiert, ist offen. Stimmen die Umfragen, wählen die Deutschen am Sonntag wieder einen Kandidaten aus der bisher regierenden Koalition. Aber sicher ist das nicht. Das Verrückte an dieser Wahl ist: Es gab kaum je so viele Unentschlossene. Noch wenige Tage vor der Wahl wusste laut Umfragen jeder dritte nicht, was er am Sonntag ankreuzen soll. Es könnte also chaotisch werden, wie im Stadtverkehr von Berlin.

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