USA
Das erwartet Joe Biden an seinem ersten Tag als mächtigster Mann

Am Ziel seiner Träume: Der 78-Jährige ist der älteste Präsident der US-Geschichte – und der erste, der sein Amt im Stillen antritt.

Renzo Ruf aus Washington
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CH Media

Das Gästehaus des amerikanischen Präsidenten liegt nur einen Steinwurf vom Weissen Haus entfernt. Blair House heisst der Komplex und die Tradition will es, dass designierte Präsidenten die letzte Nacht vor ihrem Amtsantritt hier verbringen. Mit dieser Tradition wollte selbst die Regierung von Donald Trump nicht brechen. Also ist Joe Biden gestern schon im Privatjet (statt wie geplant im Zug, aus Sicherheitsgründen) angereist und wird heute im Blair House aufwachen.

Der Tag beginnt für ihn mit einer Messe in der Cathedral of St. Matthew the Apostle. Der tiefgläubige Biden will damit in Erinnerung rufen, dass er erst der zweite Katholik in der Geschichte der amerikanischen Republik ist, der zum Präsidenten gewählt wurde.

Nach dem Gottesdienst fährt Biden zum Kapitol, dem Schauplatz der blutigen Ausschreitungen vor zwei Wochen. Seine Auto-Karawane wird sich auf weitgehend menschenleeren Strassen fortbewegen. Die Innenstadt von Washington ist eine Sperrzone, bewacht von mehr als 25000 Nationalgardisten. Auf der «National Mall», der Parkanlage beim Kapitol und dem Weissen Haus, stehen nicht wie üblich bei Amtseinsetzungen hunderttausende jubelnde Amerikaner, sondern nur rund 200000 US-Flaggen – stellvertretend für all jene, die aufgrund der Coronapandemie nicht an der Amtseinsetzung teilnehmen können.

Um Punkt 12 Uhr (18 Uhr Schweizer Zeit) beginnt die Amtszeit des 46. Präsidenten und der ersten Vizepräsidentin der US-Geschichte. Kamala Harris macht den Anfang. Dann folgt Biden, der den Amtseid auf eine Familienbibel schwören will. Wie bereits bei der Amtseinsetzung von Barack Obama und Donald Trump wird der Richter John Roberts dafür sorgen, dass Biden den Amtseid wortgetreu ablegt. 2009 musste Obama die Zeremonie am Tag danach im Weissen Haus wiederholen, weil sich Roberts verhaspelt hatte.

Nur drei von fünf Ex-Präsidenten werden bei der Feier dabeisein

In seiner Rede will Biden versöhnliche Töne anschlagen. Der Demokrat wird aber auch in Erinnerung rufen, dass sich die neue Regierung mit einem Berg von Problemen konfrontiert sieht. Und dass es eine Kraftanstrengung aller Amerikaner braucht, um das Land nach vorne zu bringen.

Ein rhetorisches Feuerwerk wie bei seinen Vorgängern darf man aber nicht erwarten. Der 78-Jährige war noch nie ein besonders begabter Redner. Er wird seinen Mitbürgern sagen, dass sie ihn an seinen Taten messen sollen, und nicht an seinen Worten.

Weil dieses Jahr sowohl das gemeinsame Mittagessen mit hochrangigen Parlamentariern als auch die langfädige Parade auf der Pennsylvania Avenue ausfällt, wird Biden nach Abschluss der Zeremonie den Soldatenfriedhof Arlington National Cemetery besuchen. Dieser befindet sich zwar im Bundesstaat Virginia, ist mit Washington aber über die prächtige (und gerade eben restaurierte) Memorial Bridge verbunden.

Angeblich werden die drei Ex-Präsidenten Barack Obama, George W. Bush und Bill Clinton das neue Mitglied im exklusiven «Präsidentenklub» auf dieser Visite begleiten. Jimmy Carter, 96 Jahre alt, wird aus Gesundheitsgründen nicht an der Zeremonie teilnehmen. Mit ihrer Anwesenheit symbolisieren die Vorgänger auch, dass Biden die Traditionen des Amtes hochhalten will.

Anschliessend zieht die Familie Biden ins (frisch geputzte) Weisse Haus ein, dem Arbeits- und Wohnort des amerikanischen Präsidenten. Auf den 46. Präsidenten wartet viel Arbeit. Er will noch an seinem ersten Arbeitstag eine Reihe von Dekreten unterzeichnen, und umwelt- oder einwanderungspolitische Pläne seines Vorgängers rückgängig machen.

Eine eigentliche Regierung steht ihm dabei noch nicht zur Verfügung. Die Kandidatinnen und Kandidaten für die wichtigsten Ministerposten warten noch auf ihre Bestätigung durch den Senat. Weil die Demokraten aber ab Mittwoch die kleine Parlamentskammer kontrollieren, sollte es nicht allzu lange dauern, bis Biden sein Kabinett zu einer ersten Sitzung versammeln und loslegen kann.