Impf-Rennen
Populisten impfen schneller: Deshalb ziehen umstrittene Regierungen anderen Ländern davon

Die strittigsten Staatslenker der Welt blühen in der anhaltenden Krise auf. Für Europa ist das gleich doppelt gefährlich.

Samuel Schumacher
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Massenimpfungen sollen seine politische Zukunft retten: Benjamin Netanjahu.

Massenimpfungen sollen seine politische Zukunft retten: Benjamin Netanjahu.

Bild: EPA (19. Dezember 2020)

«Brot und Spiele» sind das, was die Menschen wirklich wollen. Das wusste schon der römische Dichter Juvenal – und das wissen eigentlich auch die Volkstribune des 21. Jahrhunderts. Nur, dass jetzt zu «panem et circenses» auch noch der Ruf nach einem wirksamen Impfstoff kommt.

Ein Blick auf die Impfkarte aber zeigt, dass längst nicht alle Regierungen dem Volk geben, was es will.

Am schnellsten vorwärts beim Impfen macht Israel (50,2 Prozent der Bevölkerung), gefolgt von den Arabischen Emiraten (29 Prozent), den Seychellen (26 Prozent), Grossbritannien (11,7 Prozent), Bahrain (8,5 Prozent) und den USA (7,5 Prozent). Weit abgeschlagen folgt die EU (2,5 Prozent) und die Schweiz (2,3 Prozent). Kurz: Die als populistisch verschrienen Regierungen von Benjamin Netanjahu in Israel, Boris Johnson in Grossbritannien und Donald Trump in Amerika (die Impfkampagne ging noch unter seiner Ägide los) erweisen sich als die deutlich besseren Impfmanager als ihre kontinentaleuropäischen Amtskollegen.

Britisches Glück und serbische Rhetorik

Die Gründe dafür sind vielfältig. Israels Premier hat aus purem politischen Überlebenswillen den Impfturbo gezündet. Der Regierungschef muss im März wieder zu Neuwahlen antreten. Gewinnt er die nicht, verliert er seine Immunität vor Strafverfolgung und muss wegen Korruptionsvorwürfen mit einer Gefängnisstrafe rechnen. Also setzt Netanjahu alles daran, im Heiligen Land ein Impfwunder geschehen zu lassen und sich selbst als Retter in der Coronanot präsentieren zu können.

Damit das eintrifft, scheut er laut der «Times of Israel» keine Kosten: 30 Dollar soll Israel für eine Dose des Pfizer-Impfstoffs bezahlt haben, deutlich mehr als die europäische Konkurrenz.

Impfen ist Chefsache in Grossbritannien: Premierminister Boris Johnson hatte ein gutes Händchen bei den Verhandlungen im Sommer.

Impfen ist Chefsache in Grossbritannien: Premierminister Boris Johnson hatte ein gutes Händchen bei den Verhandlungen im Sommer.

Keystone

Pures Glück hatte die britische Regierung. Boris Johnosn hat schlicht auf das richtige Pferd gesetzt und bereits im Juli 30 Millionen Impfdosen bei Pfizer/Biontech bestellt. Die Seychellen, die zwei Drittel ihrer Staatseinnahmen mit Touristen verdient, haben ihren Bewohnern eine Impfkur verordnet und diese Woche als erstes Land der Welt verkündet, dass geimpfte Reisende bei ihnen wieder ohne Quarantäne Strandurlaub geniessen können.

Serbien (mit 5,3 Prozent Geimpften weltweit auf Rang acht) hat dem Hin und Her der EU von Anfang an misstraut und sich – genau wie die Arabischen Emirate – den Impfstoff der chinesischen Firma Sinopharm liefern lassen, der in der EU nicht zugelassen ist. Es sei wie bei der Titanic, liess der serbische Präsident Aleksander Vucic verlauten. Während die Reichen sich selber retten, würden die Armen (sprich: die Balkanländer) sich selbst überlassen. Da nähme er den Rettungsring der Chinesen noch so gerne an.

Er vertraut den Chinesen: Serbiens Präsident Aleksander Vucic.

Er vertraut den Chinesen: Serbiens Präsident Aleksander Vucic.

Keystone

So stark Vucics Sprachbild ist: Ganz richtig liegt er mit seinem Vorwurf an die Europäer nicht. Die EU hat sich durchaus für eine faire Verteilung des Impfstoffs eingesetzt – etwa mit der Initiative Covax, die verhindern will, dass einkommensschwache Nationen zu kurz kommen. Zudem war der vielkritisierte Entscheid der EU-Mitglieder, die Impfstoffbeschaffung an die Zentrale in Brüssel zu delegieren, in den Augen mancher Experten richtig.

Guntram Wolff.

Guntram Wolff.

HO
«Viele EU-Staaten stünden sehr viel schlechter da, wenn sie alleine mit den Pharmafirmen hätten verhandeln müssen.»

So sieht das Guntram Wolff, Direktor der Denkfabrik Bruegel, gegenüber der Agentur Bloomberg.

Brüssel misstraut den Impfstoffherstellern

Am Verhandlungsgeschick der EU kommen jetzt aber neue Zweifel auf. Diese Woche brach zwischen Brüssel und Astrazeneca (deren Impfstoff am Freitag von der zuständigen EU-Behörde abgesegnet wurde) ein Streit aus, weil der Impfstoffhersteller nur knapp die Hälfte der vereinbarten Impfdosen wird liefern können. «Produktionsprobleme», sagt Astrazeneca. «Heimliche Ausfuhr nach Grossbritannien», vermutet die EU – und erliess am Freitag eine Regel, mit der Firmen wie Astrazeneca genau kontrolliert werden können, damit sie ihre in der EU produzierten Impfdosen nicht exportieren, bevor der Bedarf innerhalb der EU gedeckt ist. Die Schweiz ist von der Exportregel nicht betroffen.

Die EU will mehr davon: Impfstoffdose des britisch-schwedischen Herstellers Astrazeneca.

Die EU will mehr davon: Impfstoffdose des britisch-schwedischen Herstellers Astrazeneca.

AP

Schlecht steht die EU auch im Vergleich zu den USA da. Washington hat bereits im Mai mit der «Operation Warp Speed» losgelegt und im Sommer bei diversen Herstellern Impfdosen eingekauft. Derweil wartete Europa zu. Einen ersten Kaufvertrag unterzeichnete Brüssel erst Ende August.

Und paradoxerweise verspielte die EU gerade mit ihrem Versuch, auch finanzschwache Staaten mit an den Verhandlungstisch zu bringen, viel Sympathien. Serbiens Präsident Vucic jedenfalls hat bekannt gegeben, dass er sich nur mit dem chinesischen Mittel werde impfen lassen. Von den «Titanic»-Europäern in Brüssel will er nichts mehr wissen.