USA
Amerikas erstes Sklavenmuseum: «Sehen, was die Vorfahren anrichteten»

150 Jahre nach dem Ende des Bürgerkriegs gibt es in den USA endlich ein Museum, das sich der Sklaverei widmet.

Renzo Ruf, Wallace (Louisiana)
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«Es ist Zeit, dass wir uns der Vergangenheit stellen»: John Cummings im Sklavenmuseum Whitney Plantation.Edmund Fountain /reuters

«Es ist Zeit, dass wir uns der Vergangenheit stellen»: John Cummings im Sklavenmuseum Whitney Plantation.Edmund Fountain /reuters

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John Cummings ist ein unscheinbarer Mann: weisser Rauschebart, einfaches Hemd, bequeme Hose. Ein Rentner, der nach einer erfolgreichen Karriere als Anwalt seinen Ruhestand geniesst, könnte man meinen. Doch dann hebt der 77-Jährige zu sprechen an, und plötzlich vibriert der achtfache Familienvater vor unbändiger Energie. Denn Cummings ist ein Mann mit einer Mission. Er will seine weissen «Brüder und Schwestern» dazu bewegen, sich endlich mit dem schwarzen Flecken der amerikanischen Geschichte auseinanderzusetzen, wie er sagt.

Schauplatz dieser Konfrontation: Die Whitney Plantation am Ufer des träge fliessenden Mississippi, eine Autostunde von New Orleans (Louisiana) entfernt. Hier betrieb die Familie Haydel im 18. und 19. Jahrhundert eine Zuckerrohr-Plantage, auf der 350 schwarze Sklaven bis zum Umfallen schuften mussten. Ein für die damalige Zeit typischer Landwirtschaftsbetrieb in einem Landstrich, in dem sich überraschend viele Siedler aus Deutschland und der Schweiz niederliessen. Der treffende Beiname dieser fruchtbaren Region ist denn auch «German Coast».

Diskriminierung als Wahlkampfthema

Die anhaltende Debatte über den gesellschaftlichen Status der 40 Millionen Amerikaner mit dunkler Hautfarbe – angefeuert durch eine Reihe schlagzeilenträchtiger Fälle von Polizeigewalt – ist auf den Präsidentschaftswahlkampf übergeschwappt. Eine Aktivisten-Koalition setzt die Kandidaten der Demokraten unter Druck, endlich konkrete Vorschläge auf den Tisch zu legen, wie die politische und ökonomische Diskriminierung von schwarzen Amerikanern überwunden werden kann. Dabei geht die Gruppierung, die unter der Bezeichnung «Black Lives Matter» («Das Leben von Schwarzen ist von Bedeutung») operiert, recht brachial vor. Am vergangenen Wochenende unterbrach sie Reden der demokratischen Präsidentschaftskandidaten Bernie Sanders und Martin O’Malley an einem Forum in Arizona. (Hillary Clinton war zu der Veranstaltung nicht erschienen.) O’Malley zeigte sich genervt über die Intervention, und sagte: «Schwarze Leben sind von Bedeutung. Weisse Leben sind von Bedeutung. Alle Leben sind von Bedeutung.» Für diese – fast ist man versucht zu sagen – Binsenwahrheit wurde O’Malley ausgepfiffen. «Verallgemeinern Sie diesen Sch**ss nicht», schrie eine Aktivistin. Einige Stunden später entschuldigte sich O’Malley für seine Aussage. Er respektiere «Black Lives Matter» und habe einen Fehler gemacht, sagte er in einer Internet-Radiosendung. Dies wiederum stiess Jeb Bush sauer auf. Der republikanische Präsidentschaftskandidat sagte diese Woche: «Sind wir nun politisch derart korrekt, dass wir uns entschuldigen müssen, wenn wir sagen, alle Leben sind von Bedeutung?» (rr)

Gut investiertes Geld

Cummings hält nichts von dieser Schönfärberei. Er sagt: «Es ist Zeit, dass wir uns der Vergangenheit stellen.» Deshalb eröffnete er nach jahrelanger Vorarbeit im Dezember 2014 auf der Whitney Plantation das erste Museum in den USA, das sich vollumfänglich der Sklaverei widmet. Acht Millionen Dollar liess er sich das kosten. Gut investiertes Geld, findet Cummings, der als einer der erfolgreichsten Anwälte Louisianas gilt. «Wir Weissen müssen endlich mit eigenen Augen sehen, was unsere Vorfahren damals angerichtet haben.»

Dann fügt er an: Es gehe ihm nicht darum, die Touristen – die immerhin 22 Dollar Eintrittsgebühr bezahlen müssen – vor den Kopf zu stossen. Er wolle niemanden wütend machen. «Sie sind nicht verantwortlich für die Sklaverei», sagt Cummings, an die Adresse der weissen Bevölkerungsmehrheit Amerikas gerichtet. Amerika aber könne sich nicht aus der Verantwortung stehlen. Schliesslich hätten die Gründerväter der USA die Versklavung von Millionen von Menschen mit dunkler Hautfarbe zugelassen, obwohl die legendäre Unabhängigkeitserklärung doch davon spreche, dass alle Menschen «gleich erschaffen» worden seien. (Thomas Jefferson, der Autor der 1776 verabschiedeten «Declaration of Independence» besass mehr als 600 Sklaven.) Und, fügt der Museums-Gründer an, ohne Sklaven wäre Amerika nie wohlhabend geworden.

Der Rundgang durch die Whitney Plantation dauert 90 Minuten, und führt am Herrschaftshaus, der Schmiede (in der Szenen des Quentin-Tarantino-Westerns «Django Unchained» gedreht wurden) und den Sklavenbehausungen vorbei. Hauptbestandteil sind aber zwei Denkmäler. Eines listet die Namen der 107 000 Menschen auf, die im Bundesstaat Louisiana versklavt wurden – und deren Namen überliefert sind.

Das andere ist den mehr als 2200 Kindern gewidmet, die bereits in jungen Jahren starben – häufig, weil sie sich bei der Arbeit verletzten. Die Denkmäler ermöglichen den ungeschminkten Blick auf die Schrecken der Sklaverei: Die harschen Lebensbedingungen, die stundenlange Arbeit, die Tortur durch die Aufseher und die Vergewaltigungen. Die Museumsführer greifen bei ihren Erklärungen auf ein Skript zurück, das mit der Hilfe des senegalesischen Historikers Ibrahima Seck erarbeitet wurde.

Ganz fertiggestellt ist das Museum noch nicht. Bald schon soll ein weiteres Mahnmal entstehen, für die Opfer einer Sklavenrevolte im Jahr 1811, deren Köpfe auf Pfählen zur Schau gestellt wurden, erzählt Cummings.

«Bildung ist das A und O»

Cummings sagt, letztlich müsse eine neue Generation von Amerikanern die volle Wahrheit über die Vergangenheit erfahren – sonst werde sich die Gesellschaft nie ändern. «Bildung ist das A und O», sagt er. Dann hebt der Anwalt zu einer langfädigen Ausführung an, die mit dem Fazit endet, dass es entscheidend sei, dass sämtliche Bevölkerungsschichten in den Genuss einer guten Ausbildung kämen. Sein Museum ist dazu bloss ein erster, wichtiger Schritt.