Amerika
Wenn selbst Gouverneur Cuomo glaubt, er müsse sich entschuldigen, dann ist die Lage ernst

Der New Yorker Gouverneur Andrew Cuomo hat sich für «unangebrachte» Äusserungen gegenüber weiblichen Untergebenen entschuldigt. Der Demokrat, einst landesweit als Anti-Trump gefeiert, steht nach einer Reihe negativer Schlagzeilen mit dem Rücken zur Wand.

Renzo Ruf aus Washington
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Andrew Cuomo, Gouverneur des Bundesstaates New York, spricht auf einer Pressekonferenz.

Andrew Cuomo, Gouverneur des Bundesstaates New York, spricht auf einer Pressekonferenz.

Foto: Keystone

Andrew Cuomo gibt den Politiker der alten Schule. Dem New Yorker Gouverneur geht es um das Sein, und nicht den Schein – und in seiner Welt, geprägt von Vater Mario, der in den Achtziger- und Neunzigerjahren in New York regiert hatte, heiligt der Zweck fast alle Mittel. Ein solcher Mann gesteht keine Fehler ein. Denn damit würde er dem politischen Gegner bloss Futter liefern, weniger als zwei Jahre vor der nächsten Wahl.

Umso erstaunlicher deshalb die Entschuldigung, zu der sich Cuomo am Wochenende herabliess. In einer langen schriftlichen Stellungnahme räumte der Demokrat ein, dass er sich im Gespräch mit Untergebenen «unangebracht» verhalten und Kommentare von sich gegeben habe, die «zu persönlich» gewesen seien. «Ich räume ein, dass einige der Dinge, die ich gesagt habe, als unerwünschte Tändeleien verstanden wurden.» Dies sei nie seine Absicht gewesen; vielmehr sei er ein Mann, der bei der Arbeit gerne Witze reisse und «neckische» Sprüche von sich gebe.

Für das Boulevardblatt «New York Post», das dem Gouverneur nicht wohlgesinnt ist, war dieses Eingeständnis ein gefundenes Fressen. Auf dem Titelbild der Montagsausgabe prangte ein Bild eines mürrischen Gouverneurs, mit der Schlagzeile: «Hey, ich bin ein lustiger Typ.»

Nötig wurde diese Stellungnahme, weil sich am Samstag eine zweite ehemalige Mitarbeiterin des 63-Jährigen öffentlich über seine angeblichen Avancen beschwert hatte. So erzählte Charlotte Bennett der «New York Times», wie der alleinstehende Gouverneur sie über ihr Sexleben ausgefragt habe. Auch habe Cuomo wissen wollen, ob sie mit einem viel älteren Mann ausgehen würde. Bennett ist 25 Jahre alt und zum Zeitpunkt der Unterredung, die sich im vorigen Juni abgespielt haben soll, war sie mit Cuomo allein in seinem Büro im New Yorker Parlamentsgebäude in Albany. Und obwohl er nicht versucht habe, sie zu berühren, habe sie das Gefühl gehabt, «dass der Gouverneur mit mir schlafen wollte», sagte Bennett.

Cuomo dementiert dies. Er sagt, er habe noch nie jemandem einen unsittlichen Antrag gemacht. Er willigte aber in eine unabhängige Untersuchung der Vorfälle ein – nachdem der Gouverneur zuerst noch versucht hatte, Richterinnen mit den Ermittlungen zu beauftragen, deren Unabhängigkeit von Beobachtern infrage gestellt worden war.

Auch Demokraten wollen Cuomo loswerden

Bereits fordern Gegner Cuomos, darunter auch zahlreiche Demokraten, den Rücktritt des Gouverneurs. «Das ist keine Entschuldigung», sagte der New Yorker Stadtpräsident Bill de Blasio am Montag über die Stellungnahme Cuomos. Dazu muss man wissen: De Blasio ist mit dem Gouverneur, seinem Parteifreund, in einer innigen Feindschaft verbunden. Nicht erst seit Beginn der Coronapandemie beschuldigen sich die beiden New Yorker Demokraten wechselweise, unfähig zu sein und Probleme zu vertuschen.

In einer schriftlichen Stellungnahme erwähnte de Blasio deshalb auch die Vorwürfe gegen Cuomo, er habe die Statistik über die Todesfälle in den Altersheimen in seinem Bundesstaat gefälscht. Dieser Skandal, der in seinem ganzen Ausmass durch die New Yorker Justizministerin erst im Januar publik gemacht worden war, weckte in der Bevölkerung bereits Zweifel an den Fähigkeiten des Gouverneurs. Ebenfalls nicht gerade hilfreich war, dass Cuomo einen äusserst ruppigen Umgangston pflegt, wenn er glaubt, auf Widerstand zu stossen. So erzählte ein New Yorker Abgeordneter kürzlich davon, wie ihn der Gouverneur am Telefon minutenlang angeschrien habe, nachdem er ihn öffentlich kritisiert habe. «Ich werde dich zerstören», soll Cuomo seinem Parteifreund gedroht haben.

Der Gouverneur, während der ersten Phase der Coronapandemie landesweit für seine täglichen Pressekonferenzen gelobt, ist derweil abgetaucht. Letztmals beantwortete er Fragen von Medienschaffenden am vorigen Mittwoch.

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