Um den Bahnhof Dietikon wird gelacht, geschrien, gesungen, gerannt und gemüllt. 13 Minuten später mit dem Bus oder noch etwas weniger mit dem Auto: Um den Dorfplatz singen Vögel und plätschern Brunnen vor Riegelhäusern, das Kaugummipapier landet im Güsel – willkommen in Weiningen.

Das mag etwas romantisierend dargestellt sein, doch an der Aussage ändert das nichts: Der Kontrast zwischen den beiden Gemeinden ist vor dem Hintergrund ihrer geografischen Nähe verblüffend. Im Weinbaudorf ist die Tradition an jedem Dachziegel und jedem Rebstock abzulesen. Gern und oft wird sie zelebriert: Die Weininger stehen im Ruf, ein besonders festfreudiges Volk zu sein. Sei es am Rebblüetefäscht, sei es in Verbindung mit dem Turnverein (TVW).

Die Empfänge der Athleten nach grossen Festen sind legendär. Wo sonst noch finden an Sonntagabenden Hunderte zusammen, um den Teilnehmern zu applaudieren, während einige Auserwählte mit ernsthaftem Stolz im Gesicht die Fahnen schwingen? Wo sonst noch öffnen Restaurants spontan, wenn die Turnerschar der Hunger
gepackt hat? Es wirkt wie kolorierte Aufnahmen von Heimatfilmen. Nur die Smartphones passen nicht ins Bild.

Der Turnverein und das Dorf gehören seit 100 Jahren zusammen, bald war der eine ohne das andere nicht mehr denkbar – um umgekehrt. Kein anderer Sportverein im Limmattal hat einen ähnlichen Einfluss auf das gesellschaftliche Leben in seinem Ort. Auch wenn die gegenwärtigen Vertreter die Bedeutung herunterspielen mögen: Gute Beziehungen zum Turnverein sind sicher nicht von Nachteil. Gegenwärtig umfasst der TVW inklusive der Untersektionen – Jugendriegen sowie Männer- und Frauenriege – über 500 Mitglieder, womit er im etwas über 4200 Einwohner zählenden Dorf schon von seiner Grösse her eine Ausnahmestellung innehat.

Turnen zum Warmhalten

Die Vereinsgründung erfolgte an einem bedeutenden Datum – aber in primitiven Verhältnissen. Als sieben Weininger am 1. August 1915 den Turnverein gründeten, gab es im Dorf mit Ausnahme eines alten Recks auf dem Turnplatz keine Geräte, ganz zu schweigen eine Turnhalle. «Wir waren darauf angewiesen unseren Turnbetrieb rein volkstümlich zu gestalten und das Spiel mit dem Ball zu pflegen. Im Winter nahm uns eine Tenne auf, wo oft Temperaturen bis 10 Grad unter null schon dafür sorgten, dass recht rege geturnt wurde», heisst es in einem Protokoll aus jener Zeit.

Natürlich waren bereits Haugs und Voglers unter den ersten Vereinsmitgliedern, es dauerte nicht lang, bis auch der erste Werffeli dazustiess. Vertreter der bestimmenden Geschlechter des Weinbaudorfs tauchen immer wieder auf in der hundertjährigen Geschichte, besonders vom Stamm Haug. Aktuell ist mit Köbi Haug junior ein
Abkömmling der alten Garde Präsident des Vereins.

Ob Haug oder nicht – eine Präsidentin gab es in den hundert Jahren noch nie, doch das dürfte nur noch eine Frage der Zeit sein. Schon jetzt ist die Mehrheit im Vorstand weiblich, in den vergangenen Jahren haben Weiningerinnen immer häufiger auch Ämter auf Verbandsebene bekleidet.

Dass die Frauen dereinst eine tragende Rolle spielen könnten, war in jenem Sommer 1915 nicht abzusehen, als der Verein aus der Taufe gehoben wurde. Erst 21 Jahre nach dem benachbarten und gleich alten TV Oetwil-Geroldswil wurde eine Damenriege gegründet. Im Jahr 2000 fusionierten Verein und Damenriege schliesslich. Seither wurden nicht nur die Turngewänder bunter, auch das Vereinsleben hat profitiert.

Die Herkunft verpflichtet

Das starke Engagement der Frauen ist das eine Erfolgsrezept der Weininger. Das andere ist das Feiern. Wer in der Jubiläumschronik stöbert, trifft immer wieder Hinweise auf die zelebrierte Feuchtfröhligkeit der Turner. Wie 1952, als der Oberturner an einer Monatsversammlung die Kameraden rügte, weil die zum Schlussturnen in Geroldswil betrunken auftraten.

Ausschweifungen sind im Turnerumfeld kein Alleinstellungsmerkmal der Weininger. Doch wegen der Herkunft aus einem Weindorf gelten sie als besonders festfest und sind sich dessen durchaus bewusst, wenn man folgendem Anekdote Glauben schenkt: 2004 soll Oberturnerin Martina Müller an einem Turnanlass davon gesprochen haben, dass die Einheimischen das Festen von den Weiningern lernen müssten – die Einheimischen waren Walliser!

Eine Anekdote, die die beiden Erfolgsrezepte der Limmattaler vereint.