Verkehr

Alt VCS-Präsident: «Fussgänger sind gigantisch unterprivilegiert»

Matthias Zimmermann stellt sich eine Brücke über die Rheinstrassen-Kreuzung vor.

Matthias Zimmermann stellt sich eine Brücke über die Rheinstrassen-Kreuzung vor.

In den Fünfzigern wurde dem Auto im Verkehrskonzept viel Platz eingeräumt. Alt VCS-Präsident Matthias Zimmermann will nun in Liestal mehr Raum für Fussgänger, Velofahrer und den öffentlichen Verkehr schaffen.

Herr Zimmermann, können Sie gemütlich am Wasserturmplatz in einem Café sitzen und sich unterhalten?

Matthias Zimmermann: Eigentlich nicht. Den Wasserturmplatz haben wir zwar schön umgebaut; aber es gibt immer noch zu viel Autoverkehr darauf. Das Problem ist: Wir wollen so viele Leute wie möglich im Stedtli: Kunden, Einwohner, Touristen, Besucher. Die müssen wir effizient in die Stadt führen. Und das Auto ist das ineffizienteste Verkehrsmittel – es braucht zu viel Platz. Es ist ähnlich wie bei den Flüssen, wo man zu spät gemerkt hat, dass sie zu sehr eingezwängt wurden: Ab den Fünfzigern haben wir den Autos möglichst viel Platz gegeben; und heute merken wir, dass das in den Innenstädten nicht funktioniert. Jetzt müssen wir den Platz für das ineffizienteste Transportmittel einschränken und Raum schaffen für die effizienten: Fussgänger, Velofahrer, öffentlicher Verkehr.

War das nicht der Sinn der Begegnungszone?

Die Begegnungszone an sich ist eine Erfolgsgeschichte. Die Autofahrer haben sich im positiven Sinne daran gewöhnt: Sie fahren langsamer und vorsichtiger. Aber Tatsache ist: Es fahren genauso viele wie früher. Auf dem Wasserturmplatz haben wir vor allem immer noch Durchgangsverkehr. Und diesem Verkehr wird man nicht Herr, wenn man nicht die Bereiche sperrt, wo man ihn nicht mehr will: Poststrasse, Seestrasse, obere Büchelistrasse, Amtshausgasse.

Wie sollen die Leute dann zu den Geschäften in der Innenstadt gelangen?

Wir haben teure Parkhäuser gebaut, die alle zentrumsnah liegen. Der Parkplatzsuchverkehr hat im Stedtli nichts verloren. Wir brauchen einige Parkplätze im Stedtli für den Lieferverkehr; das gestehe ich den Geschäften dort absolut zu. Aber wir brauchen nicht so viele Parkplätze: Den Fischmarkt zum Beispiel könnte man sehr schön gestalten, wenn man die wenigen Parkplätze auf der rechten Seite entfernte. Jedes Auto braucht zwölf Quadratmeter zum Fahren und Parken. Diesen Platz haben wir einfach nicht in den mittelalterlichen Altstädten. Die Leute kommen auch nach Liestal, weil ihnen das Stedtli gefällt. Das ist einwichtiger Faktor für die Stadt, den wir nicht vernachlässigen dürfen. Liestal wird hart konkurrenziert von anderen Gemeinden und Einkaufszentren auf der grünen Wiese: Da müssen wir schon etwas bieten.

Womit haben Sie sich auf dem Weg zur Redaktion beschäftigt, während Sie an der Rheinstrassen-Kreuzung warteten, dass die Fussgängerampel grün wird?

(lacht) Ich dachte darüber nach, wie gigantisch unterprivilegiert die Fussgänger an dieser Kreuzung sind. Das ist die kantonale Verwaltung, die hinter der Windschutzscheibe denkt. Meiner Meinung nach bräuchte es eine elegante Fussgängerbrücke über die Kreuzung, damit auch die Menschen, die im Spital oder in der kantonalen Verwaltung arbeiten, mittags ins Stedtli laufen können, und sich nicht von der Kreuzung abschrecken lassen.

Und das ist finanzierbar?

Wir zahlen auch wesentlich teurere Bauwerke. Man könnte einen Ideenwettbewerb ausschreiben oder ein Projekt mit einer Fachhochschulklasse organisieren; dann sähe man, was möglich wäre. Moderne Fussgängerbrücken kann man heute ganz fein und leicht bauen, wie die Brücke am Birsköpfli zeigt. Mit einer solchen Brücke hätten wir einen grossen Fortschritt gemacht; denn wir brauchen ja Leute im Stedtli. Die Rheinstrassen-Kreuzung ist einfach eine Sünde aus den Sechzigern. Und da müssen wir jetzt den Mut haben, Lösungen zu finden – kostengünstige.

Welcher Verkehrsteilnehmer ist Ihrer Meinung nach in Liestal am meisten benachteiligt?

Für mich nach wie vor die Fussgänger und die Velofahrer. Der Bahnhof bräuchte eine direkte ebenerdige Verbindung zum Stedtli, wie ich sie in den Einwohnerrat mit einer Brücke von der Post zum Elephantentörli einbrachte. Die Menschen sind lauffaul und immer in Eile; deshalb sind wir gezwungen, die Fussgängerverbindungen optimal zu gestalten.

Sind Sie der Meinung, dass die Stadt mehr Dreissigerzonen braucht?

Tempo 30 ist jetzt fast flächendeckend eingeführt. Damit bin ich eigentlich zufrieden, auch wenn es nach der ersten Volksinitiative 15 Jahre dauerte, bis die Dreissigerzonen verwirklicht wurden. Es gibt allerdings noch einige 50er-Strecken wie die Sichternstrasse oder die Burgstrasse/ Seltisbergerstrasse, die zu gefährlich sind als Schulwege. Es gibt dort zwar Zebrastreifen, aber ohne Mittelinsel, die die Sicherheit wesentlich erhöhen würden. Sie anzubringen würde nicht viel Geld kosten. Einer der dringendsten Punkte ist die Kreuzung direkt hinter der Bahnbrücke am Schulhaus Burg, wo fünf Strassen aufeinandertreffen. Diese Kreuzung ist extrem gefährlich; da müssen ganz viele Schüler und Einwohner des Altersheims hinüber. In meinen Augen ist in diesem Bereich bis zur Migros hinunter Tempo 30 notwendig. Das Bundesgericht hat ja inzwischen entschieden, dass Dreissigerzonen innerorts in Städten auch auf Kantonsstrassen zulässig sind. Aber der Kanton klemmt da immer.

Braucht Liestal den Zentrumsanschluss?

Da glaube ich nicht so dran wie andere. Der Zentrumsanschluss bringt genauso viel neuen Verkehr, wie er abzieht. Wenn die H 2 eröffnet ist, wird sich relativ viel Verkehr von der Autobahn zurückverlagern, von den Oberbaselbietern, die ins Rheinvorland wollen, zum Beispiel. Irgendwann wird auch die H 2 wieder verstopft sein; und dann fahren wieder alle durchs Stedtli. Ich bin also nur ein halber Fan des Zentrumsanschlusses.

Wäre es für Sie dann eine attraktivere Idee, die Waldenburgerbahn bis an die Rheinstrasse oder gar bis nach Augst zu verlängern?

Ich denke in der Tat, es wäre eine vernünftige Lösung, die Waldenburgerbahn über das Schönthal bis zum Tramanschluss Salina Raurica zu führen. Es ist allerdings nicht das wichtigste öV-Projekt. Wichtiger sind die Verbindungen nach Deutschland und Frankreich, der Margarethenstich und das Herzstück. Aber wenn der Bahnhof jetzt umgebaut wird, sollte man eine solche Verlängerung vorausdenken. Denn die Stadt wächst; und wir sind auf einen guten öV angewiesen, wenn wir einen Verkehrskollaps verhindern wollen.

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