FC Aarau

Schällibaum: «Auch wenn wir zum Erfolg verdammt sind, brauchen wir Zeit»

Marco Schällibaum: «Jetzt stimmt die Balance wieder zwischen Privat- und Berufsleben.»

Marco Schällibaum: «Jetzt stimmt die Balance wieder zwischen Privat- und Berufsleben.»

Die Niederlage gegen Lausanne und den Sieg im Cup-Achtelfinal gegen Le Mont sah Marco Schällibaum (53) nur von der Tribüne. Im heutigen Auswärtsspiel gegen Biel steht er erstmals als Aarau-Trainer an der Linie.

Marco Schällibaum, wie haben Sie sich eingelebt?

Marco Schällibaum: Sehr gut. Ich habe schnell den Kontakt zur Mannschaft, zur Administration und zur Klubführung gefunden. Aber wichtig ist es jetzt, dass alle die Bereitschaft zeigen, vorwärtszugehen.

Haben Sie bei der Mannschaft schon eine Entwicklung vom ersten zum zweiten Spiel festgestellt?

Die Angriffsauslösung ist schneller geworden. Es wurde weniger quer gespielt. Und die Spieler wollten vermehrt Zeichen setzen, traten dominanter auf. Klar, wir haben gegen Le Mont ohne Stürmer gespielt und meist hat die Qualität beim letzten Pass gefehlt. Ich werte das auch als Zeichen einer Verunsicherung, was für einen Klub, der am Tabellenende steht, nicht ungewöhnlich ist.

Dass der FC Aarau ohne Stürmer spielt, ist nichts Neues.

Deswegen sitze ich aber nicht heulend zu Hause rum.

Besteht im Angriff am meisten Handlungsbedarf?

Sehr wahrscheinlich schon.

Marco Schällibaum muss von Tribüne aus mitleiden

Marco Schällibaum muss gegen Lausanne noch von der Tribüne aus mitleiden (27.10.2015)

Neo-Trainer Marco Schällibaum muss wegen einer Sperre von der Tribüne aus mitansehen, wie sein Team gegen Lausanne mit 0:3 verliert.

Sven Lüscher war im ersten Spiel unter Ihnen Aussenverteidiger, im zweiten Spiel einzige Sturmspitze – grotesk?

Lüscher hat es als Stürmer nicht schlecht gemacht. Am Sonntag in Biel stehen mir nur vier Verteidiger zur Verfügung. Klar ist: Die Zusammenstellung des Kaders zwingt den Trainer zu Improvisationen.

Als Trainer von Chiasso haben Sie maximal zwei Tage pro Woche bei Ihrer Familie in Gelterkinden verbracht. Sie sagten, Sie fühlten sich jeweils wie ein Gast in der eigenen Familie.

Das Familienleben hat sich unterdessen normalisiert. Mehr noch. Jetzt kann ich abends auch mal zum Training meines Sohnes oder mit meiner Tochter und dem Hund spazieren gehen. Punkto Lebensqualität hat sich bei mir alles zum Positiven entwickelt. Jetzt stimmt die Balance wieder zwischen Privat- und Berufsleben.

Die Reaktionen auf Ihren Abgang in Chiasso waren teilweise heftig. Haben diese Sie überhaupt berührt?

Ich bin dem FC Chiasso zu Dank verpflichtet, weil er mir die Rückkehr in den Schweizer Fussball ermöglicht hat. Aber ich habe es mit guten Resultaten zurückbezahlt. Mit emotionalen Reaktionen auf meinen Abgang musste ich rechnen. Aber ich habe in der Vergangenheit häufig auf andere Rücksicht genommen. Deshalb finde ich es in Ordnung, wenn ich nun für einmal meine Interessen und jene der Familie in den Vordergrund gerückt habe. Wehgetan hat mir eigentlich nur, dass ich den Spielern nicht «Tschüss» sagen durfte. Denn wir hatten es wirklich gut miteinander.

Neustart beim FCA mit Trainer Marco Schällibaum

Neustart beim FCA mit Trainer Marco Schällibaum (22.10.2015)

Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit Sportchef Raimondo Ponte?

Gut, auch wenn wir mal Meinungsverschiedenheiten haben. Ich behaupte nicht, alles richtig zu machen. Ponte und ich bringen sehr viel Erfahrung mit. Wenn es uns nachhaltig gelingt, dieses Wissen in die richtigen Bahnen zu lenken, sind wir ein starkes Duo.

Wenn zwei Schwergewichte des Schweizer Fussballs auf der Kommandobrücke stehen  . . .

. . . Halt! Auch wenn wir zum Erfolg verdammt sind, brauchen wir Zeit. Denn der FC Aarau wäre nicht so tief gefallen, wenn keine Fehler gemacht worden wären. Fehler hat man im Fussball null Komma plötzlich gemacht. Diese zu korrigieren, braucht aber Zeit.

Also darf man die Ziele nicht zu hoch schrauben?

Aktuell sicher nicht. Wir sind Letzter. Da wäre es doch total vermessen, vom Aufstieg zu reden. Wir müssen erst mal die ersten Schritte weg vom Tabellenende machen.

Stand heute geht es also nur um den Ligaerhalt?

Jein. Grundsätzlich haben wir höhere Ziele.

Schällibaum kann es nicht lassen, auch selbst gegen den Ball zu kicken.

Schällibaum kann es nicht lassen, auch selbst gegen den Ball zu kicken. (21.10.2015)

Wie konnte der FC Aarau so tief fallen?

Die Proportionen stimmen nicht. Es gibt Positionen, die dreifach besetzt, und andere, die nicht mal zweifach besetzt sind. Das ist sicher ein Grund für die unbefriedigenden Resultate. Deshalb sage ich: Wir brauchen Zeit. Ponte, um das Kader zu bereinigen. Ich, um die Spieler auf Kurs zu bringen.

Ihr Vorgänger Livio Bordoli hat innert kürzester Zeit den Draht zur Mannschaft verloren. Spüren Sie eine Befreiung bei den Spielern?

Ich weiss nicht, wie die Stimmung vor meiner Zeit war.

Assistenz-Trainer Ercüment Sahin spricht im Zusammenhang mit dem Trainerwechsel von einem positiven Effekt.

Das hat er mir auch gesagt. Mit den Spielern rede ich aber nicht darüber. Die müssen erst mal Gas geben und zeigen, dass sie mit ihrem Votum gegen Bordoli recht hatten. Mit dem Sieg im Cup-Achtelfinal gegen Le Mont haben sie ein erstes Zeichen gesetzt.

Am Sonntag in Biel dürfen Sie nach verbüsster Sperre an die Linie zurückkehren.

Vielleicht bleibe ich auf der Tribüne, weil ich es von dort viel besser sehe. Nein, Spass beiseite. Der Kontakt mit den Spielern, von der Linie Einfluss zu nehmen, das ist natürlich wichtig. Aber die Basis für den Erfolg wird unter der Woche mit Taktik, Gesprächen und Trainings gelegt.

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