Challenge League

Marco Thaler: Talent und kickende Intelligenzija

Entspricht überhaupt nicht dem Klischee des Profi-Fussballers: Marco Thaler.

Entspricht überhaupt nicht dem Klischee des Profi-Fussballers: Marco Thaler.

Aaraus Verteidiger Marco Thaler (21) ist der Gegenentwurf zum Klischee. Maturitätsabschluss, Jus-Student, Zugfahrer, politisch interessiert, untätowiert. Eine Hommage an einen besonderen Fussballer, der es im Kopf, und nicht nur in den Füssen hat.

Herzlichkeit, Manieren, Interesse. Dafür reicht schon ein Augenblick. Die nonverbale Kontaktaufnahme ist frei von Misstrauen. Keine Pfeile, keine Ellenbogen im Blick. Das Feld ist grenzenlos. Mit den Worten folgen Intelligenz, Humor, Respekt, Bescheidenheit, Sensibilität und Zielstrebigkeit. Und nach zwei Stunden hat man die Gewissheit, einen Fussballer getroffen zu haben, der aussergewöhnlich, weil er normal ist.

Wobei normal eigentlich der falsche Ausdruck ist. Weil normal suggeriert, einer Norm zu entsprechen. Doch in dem, was Thaler tut, ist er nicht normal. Weil er dafür schlicht zu talentiert ist. Normal ist sein Verhalten, seine Aussendarstellung. Und, weil er sich mit Themen beschäftigt, die uns Normalos eben auch beschäftigen.

Fussball allein ist nicht genug

5,2 war sein Notenschnitt bei der Maturitätsprüfung. Nebenbei hat er in jenem Jahr auf Anhieb beim FC Aarau in der Super League Fuss gefasst. Nur 5,2? Thaler hat für diese Provokation ein mildes Lachen übrig. Und erzählt, dass er nun an der Uni Zürich ein Jus-Studium angefangen hat.

Nein, besonders anstrengend sei das nicht, wehrt er ab. «Viele haben gewarnt, ich würde mir zu viel zumuten. Doch das Studium lasse ich mir nicht nehmen. Schliesslich geht es um Lesen und Begreifen. Das ist nicht anstrengend. Ausserdem brauche ich den intellektuellen Ausgleich. Fussballer ist ein schöner Beruf, der einem viel Freizeit bietet. Also nutze ich diese Zeit doch. Denn würde ich nur Fussball spielen, hätte ich am Ende des Tages hin und wieder das Gefühl, zu wenig gemacht zu haben.»

Der kluge Kopf im Team

Thaler ist sich seiner Privilegien bewusst. Vielleicht ist es genau diese Erkenntnis, die ihn daran hindert, abzuheben. Natürlich ist Thaler kein Einzelfall. Es gab und gibt andere Fussballer, die nebenbei studieren und sich ganz viele Gedanken machen.

Häufig aber grenzen sich diese Fussballer ab, entwickeln einen Dünkel, driften zu Einzelgängern ab, werden unglücklich und geben desillusioniert auf. Nicht so Thaler. «Natürlich gibt es hin und wieder Sprüche von den Kollegen. Aber diese sind nie bösartig. Und wenn ein Problem auftaucht, das man nur mit einer gewissen Intelligenz lösen kann, tönt es: ‹Marco, Marco!› Ich fühle mich absolut wohl in der Fussballwelt. Ausserdem entspricht das Leben beim FC Aarau nicht dem stereotypischen Fussballerleben. Auch, weil wir viele helle Köpfe im Team haben.» Und es Thaler doch gelang, etliche dieser hellen Köpfe zum Wählen zu animieren.

Glücklich mit dem Ausgang der Wahlen ist der Wohler indes nicht. «Generell muss unsere Gesellschaft sozialer werden. Aber das heisst nicht, dass ich bei allen Themen auf der SP-Linie bin. Beispielsweise hätte ich nie gefordert, dass man die Schweizer Grossbanken ihrem Schicksal überlassen soll.» Thalers Vater arbeitet seit 38 Jahren bei der UBS.

Livio Bordolis Gangart härtete ab

Aus der Mannschaft hiess es, Thaler hätte am stärksten unter Ex-Trainer Livio Bordoli gelitten. Darauf angesprochen, muss er schmunzeln. «Diese Einschätzung ist falsch», sagt er. «Ich habe mich einmal im Training lautstark gegen Bordoli gewehrt. Offenbar habe ich damit die Kollegen irritiert, weil dieser Ausbruch nicht dem Bild des lieben, braven und kontrollierten Marco entsprach, das sie von mir hatten. Jeder Trainer hat etwas Gutes. Unter Bordoli habe ich erstmals Erfahrungen mit einer rauen Gangart gemacht. Damit muss man umgehen können, wenn man weiterkommen will.»

Das will er. Und das wollen viele andere auch. Kurz, nachdem am 23. Juli 2014 sein erster Auftritt in der Aarauer Startelf Geschichte ist, melden sich 17 Spieleragenten bei ihm. Darüber ist Thaler weder empört, noch schmeichelt es ihm. «Die Agenten haben es auch nicht leicht. Da ist ein riesiger Verdrängungskampf im Gang. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass alle gleich losstürmen, sobald ein junger Spieler in der Super League debütiert hat.»

Mittwoch und Donnerstag sind Champions-League-Tage

Marco Thaler, wo sind Sie in zwei Jahren? «Keine Ahnung. Ich setze mir Teilziele. Ich will erst mit der Mannschaft wieder in die Erfolgsspur finden. Auch wenn du noch so gut bist: Der FC Basel interessiert sich nicht für dich, wenn du beim Zweitletzten der Challenge League spielst. Ausserdem will ich unbedingt wieder zurück in die U21-Nati.»

Draussen ist es längst dunkel, ohne dass Thaler je diskret auf die Uhr geschaut oder einen Termin erfunden hat. Leider muss ich los. Und Thaler? Er schlendert Richtung Bahnhof. Nimmt den Zug nach Lenzburg («Ich habe bis jetzt keine Notwendigkeit gesehen, die Autoprüfung zu machen»), schaut mit einem Freund Champions League und fährt danach nach Wohlen, wo er zusammen mit seiner Mutter wohnt.

Profifussballer, Jus-Student, Kumpels, Fussball schauen – keine Freundin? «Doch, doch. Aber ich habe mit ihr vereinbart, dass ich dienstags und mittwochs jeweils Champions League schaue. Wenn sie will, darf sie jederzeit mitschauen.» Beeindruckend, dieser junge, talentierte Mister Thaler.

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