Das «Wunder» vom 28. Februar mit der bemerkenswert hohen Ablehnung der Durchsetzungsinitiative von 58,9 Prozent wurde in den spontanen Interpretationen mit der Selbstmobilisierung der Zivilgesellschaft erklärt. Gemeint war das Engagement der wenig an Parteiparolen sich orientierenden Bürgerinnen und Bürger und «der Jugend». 

Inzwischen wissen wir dank der Abstimmungs-Nachbefragung, dass der Anteil der jungen Abstimmenden am Nein überschätzt wurde, dass die Stimmbeteiligung dieses Alterssegments zwar höher als auch schon war, dass diese sich aber zwischen Ja und Nein einigermassen gleich verteilt hat. Zudem seien doch parteiverbundene Bürger und Bürgerinnen (neben der Linken auch aus der FDP und CVP) für die Ablehnung ausschlaggebend gewesen. Also nichts gewesen mit dem zivilgesellschaftlichen Aufbruch? 

Dieser Befund vermag nicht den Eindruck zu beseitigen, dass sich bei der letzten gesamtschweizerischen Abstimmung ein neuer Elan bemerkbar gemacht, dass sich neue Gesichter gezeigt und die Presse diesen Aufbruch noch verstärkt hat. War das nicht eine schöne Bestätigung der Vitalität unserer lieben Demokratie? Vielleicht schon, doch wo war und ist da die Zivilgesellschaft? 

Es gibt zwei grundsätzlich unterschiedliche Verständnisse von Zivilgesellschaft. Das eine geht von einem formalen Verständnis aus: Es meint gesellschaftliches, im öffentlichen Raum sich selbst organisierendes und Einfluss anstrebendes Engagement jenseits von Staat, Wirtschaft und Privatleben. Das andere hat ein normatives Verständnis und meint: öffentlicher Einsatz für freiheitliche und zugleich soziale, umwelt- und menschenfreundliche Problemlösungen. 

Die sozialwissenschaftliche Analyse muss sich am formalen Verständnis orientieren. Und da gehören zum Beispiel auch rechtsradikale Bewegungen oder Abtreibungsgegner zum zivilgesellschaftlichen Bestand. In der politischen Auseinandersetzung dominiert jedoch das normative Verständnis und wird der Begriff zum Kampfbegriff. 

Drei Voraussetzungen müssen bei beiden Begriffsverständnissen gegeben sein: die Förderung des wie auch immer verstandenen Gemeinwohls (nur Motorradfahrerinteressen genügen also nicht) und die grundsätzliche Anerkennung anderer Gruppierungen sowie die Ablehnung von Gewalt. 

Die wachsende Bedeutung der elektronischen Kommunikation ruft freilich nach revidierten Vorstellungen sowohl von Masse wie von Öffentlichkeit. Die zivilgesellschaftliche Interaktion wird zwar gestärkt, zugleich nehmen aber auch die Möglichkeiten der Manipulation durch intransparente Kräfte zu. In Gesellschaften ohne direktdemokratische Mitwirkung bedeuten zivilgesellschaftliche Gruppierungen jedenfalls eine wünschenswerte Weiterentwicklung der ansonsten auf parlamentarische Repräsentation beschränkten Demokratie. 

Kanzlerin Angela Merkel hat sich auf ihrer kürzlich erneut unternommenen Reise in die Türkei, bevor sie mit dem zu absolutistischen Staatsvorstellungen neigenden Präsidenten Erdogan zusammensass, auch mit «Vertretern der Zivilgesellschaft» getroffen, das heisst mit türkischen Journalisten, Anwälten und Menschenrechtlern und dabei über die Entwicklung von Justiz und Rechtsstaat, die Lage der Kurden, die Annäherung an Europa u. a. m. gesprochen. Hier ist der Begriff der Zivilgesellschaft für das formale wie das normative Verständnis richtig eingesetzt: Eine Staatsperson unterhielt sich mit Nichtstaatspersonen über gesellschaftlichen Verbesserungsbedarf. 

Die Existenz von Zivilgesellschaften ist umso wichtiger, je autoritärer ein Staat regiert wird. Von einer Demokratie, die von unten nach oben organisiert ist und der direktdemokratische Partizipationsmittel stets zur Verfügung stehen, könnte man sagen, dass zivilgesellschaftliches Engagement eigentlich breitester Normalität entspricht. 

Das heisst aber nicht, dass diese strukturierte Normalität die ganze Gesellschaft abdeckt. Noch immer gibt es in grösserer Zahl Gesellschaftsmitglieder mit Stimm- und Wahlrecht, die nicht an der Zivilgesellschaft partizipieren. Sie werden im Idealfall von dieser aber ermuntert, sich auf die eine oder andere Weise an Volksentscheiden zu beteiligen. Und da könnten, gerade bei sensiblen Themen, die Haltungen «der Jungen» und auch die Impulse sogar von noch nicht Stimmberechtigten das Abstimmungsverhalten «der Älteren» am 28. Februar beeinflusst haben.