Polizeieinsatz in Suhr

SVP-Grossrat und Polizist Roland Vogt: «Jeder Polizist hofft, dass er nie auf jemanden schiessen muss»

Roland Vogt, SVP-Grossrat und Polizist

Roland Vogt, SVP-Grossrat und Polizist

Roland Vogt ist SVP-Grossrat und arbeitet bei der Stadtpolizei Zürich. Bisher musste er im Einsatz einmal seine Dienstwaffe ziehen, aber nicht schiessen. Dass ein Aargauer Kantonspolizist am Montag in Suhr fünf Schüsse auf einen Mann abgab, der ihn mit einem Messer angriff, findet Vogt verhältnismässig.

Sie sind selber Polizist – wie beurteilen Sie den Einsatz in Suhr, bei dem ein Kantonspolizist fünfmal auf einen Mann mit einem Messer schoss und dieser danach starb?

Roland Vogt: Ich kenne den Fall nur aus der Online-Berichterstattung, kann also nicht sagen, was die Kollegen wussten, als sie nach dem Notruf ausrückten. Dass eine Person mit einem Messer auf einen zustürmt und angreift, ist aber für jeden Polizisten ein Albtraum. Eine solche Situation ist sehr gefährlich, entwickelt sich unglaublich schnell und macht Entscheidungen innerhalb von Sekundenbruchteilen nötig. Soweit ich das beurteilen kann, hat der Kollege in Suhr richtig gehandelt: Der Mann hat ihn mit einem Messer angegriffen, der Polizist hat in Notwehr geschossen.

Suhr (AG): Polizei erschiesst mit Messer bewaffneten Mann

Suhr (AG): Polizei erschiesst mit Messer bewaffneten Mann

In Suhr kam es am Montagabend in einem Wohnquartier zu einem Schusswaffeneinsatz der Polizei. Dabei wurde ein 68-jähriger Mann tödlich verletzt.

Im Polizeigesetz steht, ein Polizist dürfe schiessen, wenn er bedroht werde – zuerst seien aber ein Warnruf und ein Warnschuss nötig. Ist ein solches Vorgehen realistisch und in einer Situation wie in Suhr möglich?

Das ist der ideale Ablauf, wenn man «Halt, Polizei» rufen kann, dann die Waffe zieht, allenfalls einen Warnschuss abgibt und erst als letztes Mittel auf die Person schiesst. In einem Fall wie in Suhr, bei der ein bewaffneter Mann auf einen Polizisten zustürmt, kann es zur Situation kommen, dass ein Polizist in Notwehr direkt auf die Person schiesst. Wie der Fall genau abgelaufen ist, wird die Untersuchung zeigen.

Sie sind seit Jahren selber Polizist – mussten Sie schon einmal auf eine Person schiessen?

Nein, zum Glück nicht, ich war nie in der Situation, dass ich hätte schiessen müssen. Ich musste bei einer Kontrolle vor einigen Jahren die Waffe ziehen – das hat dann aber gereicht, die andere Person war einsichtig und bedrohte uns nicht weiter. Ich kenne ein paar Kollegen in meinem persönlichen Umfeld, die schon die Dienstwaffe einsetzen mussten. Das sind sehr belastende Situationen, jeder Polizist hofft, dass er nie auf jemanden schiessen muss.

Dennoch lernt man in der Ausbildung, wie man im Notfall seine Waffe einsetzen muss. Wie läuft dieses Schiesstraining ab?

Bei uns in Zürich ist es so, dass wir zweimal pro Jahr ein Schiesstraining absolvieren. Dabei werden Übungen im Freien und im Schiesskeller absolviert, die Situationen werden immer wieder angepasst und verändert. Es geht darum, rasch zu entscheiden und gezielt zu schiessen, damit die Waffe im Notfall auch sicher eingesetzt werden kann. Trotzdem sind solche Übungen nicht dasselbe wie ein echter Einsatz: Es ist eine völlig andere Situation, im Schiesskeller auf Scheiben zu zielen, als wenn ein aggressiver Mann einen mit einem Messer attackiert.

In Suhr waren vier Polizisten im Einsatz, am Ende starb ein Mann durch die Kugeln aus einer Dienstwaffe. Hätte es keine andere Möglichkeit gegeben?

In einer solchen Situation wäre ein Taser, der einem Angreifer einen elektrischen Schock versetzt und ihn dadurch bewegungsunfähig macht, aus meiner Sicht ein sehr gutes Einsatzmittel. Im Aargau ist aber nur die Spezialeinheit Argus der Kantonspolizei mit Tasern ausgerüstet, vor drei Jahren hat der Regierungsrat einen Vorstoss abgelehnt, auch die Regionalpolizei damit auszustatten. Im aktuellen Fall hätte ein Tasereinsatz die Schussabgabe auf den Mann verhindern können.

Wäre es in einer Situation wie in Suhr nicht sinnvoll gewesen, die Polizisten hätten sich zurückgezogen und die Spezialeinheit Argus aufgeboten?

Es ist üblich, dass bei einer Meldung wegen Suizidgefahr zwei Patrouillen mit vier Polizistinnen und Polizisten ausrücken. In einem solchen Fall ist es aus meiner Sicht nicht notwendig, von Beginn weg die Spezialeinheit Argus aufzubieten. Diese kommt zum Einsatz, wenn sich zum Beispiel jemand in einer Wohnung verschanzt oder andere Personen bedroht. Im aktuellen Fall ist die Situation offenbar sehr schnell eskaliert, deshalb kam es letztlich wohl zur Schussabgabe.

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