Fall Marie
Die Fussfessel hinderte Claude D. nicht daran zu töten

Der Mord des Wiederholungstäters Claude D. an Marie erinnert an den «Fall Lucie» und zeigt auf, dass Fussfesseln keine Garantie für Sicherheit von möglichen Täten bieten, zumindest solange sie keinen GPS-Sender haben.

Daniel Fuchs
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Claude D., Mörder von Marie.

Claude D., Mörder von Marie.

Keystone

Der Mord an Marie erinnere sie unweigerlich an den Fall Lucie,

Selten: GPS-fähige Fussfesseln

Claude D. trug eine elektronsiche Fussfessel. Diese hatte allerdrings keinen GPS-Sender. Die Polizei konnte ihn, als er abtauchte, nicht orten. Die Fussfessel von Claude D. zeigte an, ob er zu bestimmeten Zeiten an vereinbarten Orten war, zum Beispiel zu Hause. Als er Marie entführte, war er für die Behörden auf den Weg nach Hause, als er dort nicht auftauchte, tappten sie im Dunkeln. Unkar ist auch, wie es dem Täter geland, die Fussfessel abzustreifen.

Auch elektronische Fussfesseln mit GPS-Sendern verhindern letztlich keine Straftaten. «Die Idee dahinter liegt nicht darin, jemanden rund um die Uhr überwachen zu können», erklärt Dominik Lehner, Leiter des Basler Strafvollzugs.

Für die Basler Halbkantone nennt der ehemalige Leiter des Schweizerischen Pilotprojekts «Electronic Monitoring» je einen Fall, bei dem GPS-Sender zur Anwendung kommen. So trage in Basel ein ehemals alkoholsüchtiger Straftäter eine solche Fussfessel. «Um zu kontrollieren, dass er seine Zeit nicht in Wirtshäusern verbringt», wie Lehner erklärt. Im anderen, dem Baselbieter Fall gehe es um einen mutmasslichen Brandstifter, der einen Teil der Taten abstreitet und durch die GPS-Ortung ein Alibi erhält», so Lehner.

Weshalb die GPS-Fussfessel in der Schweiz kaum eingetzt wird, dafür gibt es laut Strafrechtsprofessor Jonas Weber noch einen anderen Grund: Sie ist viel teurer als jene, die bei Claude D. eingesetzt wurde. (rsn/dfu)

Normale Fussfesseln lösen Alarm aus, wenn ein Perimeter unbewilligt verlassen wird. (dfu)

Nur Stunden, nachdem der 36-jährige Claude D. die Polizisten zur Leiche seiner Ex-Freundin führte, die er am Montagabend auf offener Strasse bei Payerne in seinen Wagen gezerrt und danach verschleppt hatte.

An Métraux’ Seite deren Regierungskollegin und Sicherheitsdirektorin Jacqueline de Quattro, die ihre Kollegin tröstete, der Familie von Marie das Beileid der Regierung aussprach und versprach: «Wir wollen, dass sich ein Drama wie dieses nicht wiederholt.» Man werde die Hintergründe beleuchten, warum der bedingt entlassene – wie sich im Nachhinein herausstellte – nach wie vor gefährliche Sexualstraftäter und verurteilte Mörder Claude D. habe frei bewegen können.

Der entlassene Mörder

Mit der ermordeten Marie hat die Westschweiz nun ihren eigenen «Fall Lucie». Die Parallelen zum 2009 ermordeten Au-pair-Mädchen Lucie im Aargau sind augenscheinlich: Beide jungen Frauen gerieten an die Falschen. An verurteilte Straftäter, deren Gefährlichkeit man unterschätzt hat.

Was also lief schief im Waadtland? Die Behörden wissen es noch nicht. Über Claude D.s Vergangenheit dagegen weiss man Bescheid: 1998 erschoss er seine Ex-Freundin. Ein Gericht verurteilte ihn 2000 wegen brutalen Mords, Vergewaltigung und Entführung zu zwanzig Jahren Haft. Für Mord sind im Strafrecht Freiheitsstrafen von zehn Jahren bis lebenslänglich vorgesehen. Von einer lebenslangen Haftstrafe sahen die Richter ab, wie so oft bei jungen Straftätern. Häufig zu Recht, wie der Strafrechtsprofessor der Universität Bern, Jonas Weber, gegenüber der «Nordwestschweiz» findet.

Doch sieht das Gesetz das Anrecht auf bedingte Haftentlassungen nach Absitzen von zwei Dritteln der Haftstrafe vor. Es kam auch bei Claude D. zur Anwendung. Wegen der Schwere seiner Tat und um ihn kontrolliert in die Freiheit zu entlassen, auferlegte man ihm Hausarrest. Claude D. durfte arbeiten, musste sich aber ausserhalb der Arbeitszeiten zu Hause aufhalten. Um das zu kontrollieren, kamen elektronische Fussfesseln zur Anwendung. Am Montagabend gingen die Waadtländer Behörden davon aus, dass Claude D. auf dem Nachhauseweg von der Arbeit war. Dann entführte Claude D. Marie und schaffte es, die elektronische Fussfessel abzustreifen.

Bewährungshelfer warnten

Behörden, die Untersuchungen ankündigen, was zur verhängnisvollen bedingten Entlassung Claude D.s geführt hat, und eine junge Frau, für die diese Untersuchung zu spät kommt – schnell dreht sich die Diskussion um Täter- und Opferschutz. Die Bewährungshelfer wollten Claude D. nach dessen bedingter Entlassung wieder hinter Gitter sehen. Doch hat die aufschiebende Wirkung eines Rekurses überhaupt erst zur Tat geführt. Der Strafrechtler Jonas Weber mahnt: «Wir werden die Rückfallgefahr von Straftätern nie mit hundertprozentiger Sicherheit verhindern können.» Der Rückfall sei statistisch gesehen die «absolute Ausnahme». Verlange man hunterprozentige Sicherheit, so müsse man Straftäter für immer und ewig hinter Gitter sperren. Mit dem Resultat, auch jene Straftäter teuer weggesperrt zu haben, die – einmal in Freiheit – nie wieder straffällig werden.