Velodieb

Der vermeintliche Velodieb, der zur Polizei gehört

Reto Deiss holt barfuss ein Velo aus dem Bach

28_veloklau_fhe.jpg

Reto Deiss holt barfuss ein Velo aus dem Bach

Der harte Polizeialltag wird zum Glück auch mal mit einer Schmunzelstory versüsst. Wie beispielsweise letzthin im Oberen Fricktal, wo sich ein Zivilangestellter der Regionalpolizei gegen die Anschuldigung zur Wehr setzen musste, ein lange gesuchter und nun endlich gefasster Velodieb zu sein.

Werner Hostettler

Eigentlich hatte Reto Deiss, Zivilangestellter bei der Polizei Oberes Fricktal (Pof), nur einen ihm im Rahmen seines Aufgabenbereiches erteilten Auftrag erfüllen wollen. Nämlich ein offensichtlich entwendetes und nach dem unrechtmässigen Gebrauch stehen gelassenes Fahrrad abzuholen. An der Stelle in einem Oberfricktaler Dorfkern, wohin er beordert wurde, stand auch tatsächlich ein, allerdings abgeschlossenes, Zweirad. Doch die vom Anrufer der Regionalpolizei gemeldete Fabrikmarke stimmte, also nahm Reto Deiss das Velo an sich, um es im Kofferraum seines Autos zu verstauen und dem praktisch dauernd bis auf den letzten Einstellplatz belegten Aufbewahrungsraum der Regionalpolizei für herren- und damenlose Velos zuzuführen.

Entwendet und demoliert

Warum dies nicht auf Anhieb gelang, schildert er im Gespräch mit der AZ: «Es war Abend und plötzlich sah ich mich im Halbdunkeln zwei Männern gegenüber, die sofort erkennen liessen, dass sie absolut nicht zu Spässen aufgelegt waren und auf unmissverständliche Weise erklärten, in mir nun endlich den «Söichäib» gefunden zu haben, der Velos klaue.»

Nachdem Reto Deiss den beiden Männern seinen Ausweis gezeigt und seinen Auftrag erklärt hatte, wich die angespannte Situation vorerst einem «Aha-Effekt» und danach einer allgemeinen Schmunzelrunde. Bei den weitaus meisten Einsätzen, während denen er entwendete Velos einsammeln muss, hat Reto Deiss allerdings keine Zeit zum Schmunzeln, im Gegenteil: «Was mich beispielsweise immer wieder beschäftigt ist die Tatsache, dass Velos nicht nur entwendet, sondern nach deren Gebrauch auch noch demoliert werden, und dies zum Teil auf recht massive Art und Weise.»

Bis vier Velos wöchentlich

Zu denken gibt ihm auch, dass er nicht selten sehr teure und sich in tadellosem Zustand befindliche Bikes aus einem Bachbett oder einem Gebüsch herauf- und herausholen muss. Diese würden dann aber überhaupt nicht als vermisst gemeldet werden. Oftmals sei es auch so, dass ein Diebstahl noch gar nicht realisiert worden sei: «Wenn wir einem eruierten Besitzer oder einer Besitzerin eines entwendeten Velos mitteilen, dieses sei gefunden worden, bekommen wir vielfach zur Antwort, das könne nicht sein, das Fahrrad stehe doch im Keller.

Doch dort stand es eben nicht mehr», sagt Deiss. Auffallend sei übrigens auch, dass es nicht selten nach grösseren Anlässen und Festen mehr Velos einzusammeln gebe: «Die Leute klauen vorwiegend am Bahnhof Frick schnell ein Velo, um ebenso schnell zu einem Fest in der Region gelangen zu können.» So kommt es, dass Reto Deiss im Durchschnitt drei bis vier Fahrräder pro Woche einsammeln muss.

Eines hing an Signalanlage

Und dies dürfte auch weiterhin der Fall sein. Mussten 2007 von der Regionalpolizei (Pof) noch 131 Fahrraddiebstähle bearbeitet werden, waren es 2008 bereits deren 206. Die Bilanz der ersten Monate von 2009 kommentiert die POF so: «Die Fahrraddiebstähle stagnieren auf einem weiterhin hohen Niveau.» Zudem betont sie, dass es ihr Ziel sei, entwendete Velos wenn immer möglich innert Wochenfrist einzusammeln, denn: «Es sind dies zum Teil neue und recht teure Geräte, darum geht es uns nicht zuletzt auch um einen Schutz vor weiterem Wertverlust.»

Einen solchen hätte zweifellos auch dasjenige Fahrrad erlitten, das Reto Deiss von einer Blinklichtanlage herunter holen musste, wohin es nach dem unrechtmässigen Gebrauch «aufgehängt deponiert» worden war. Nach der vorgeschriebenen Aufbewahrungszeit werden nicht abgeholte Velos - und das sind nicht wenige - einem lizenzierten Velohändler zur Verwertung zugeführt oder bei schlechtem Zustand verschrottet. Diese Aufbewahrungszeit beträgt bei defekten Velos einen Monat, bei kleinen Mängeln drei Monate und bei Fahrrädern in tadellosem Zustand ein halbes Jahr.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1