Er war «nur» einer der Retter

Der verstorbene Nicolas Hayek gilt als «Retter der Schweizer Uhrenindustrie». Diese Auszeichnung bestätigen, zumindest teilweise, selbst unabhängige Uhrenhersteller, die auf dem Markt mit der mächtigen Swatch Gruppe um Kunden kämpfen.

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Er war «nur» einer der Retter

Er war «nur» einer der Retter

Solothurner Zeitung

franz schaible

Sinnbild für die Präsenz des Uhrenherstellers Swatch in der Region Grenchen sind die beiden Swatch-Kreisel, östlich und westlich bei der Einfahrt in die Uhrenstadt. So gehört Swatch mit seinem Uhrwerkhersteller ETA an den Standorten Grenchen und Bettlach zu den grössten Arbeitgebern in der Region. Eine weitere Tochter ist die Grenchner Meco AG; sie fertigt äussere Uhrenteile wie beispielsweise Kronen. Die Micro Crystal AG, ebenfalls in Grenchen, stellt Quarzkristalle und Oszillatoren her. Unter anderen gehört auch die Uhrenfabrik Rado in Lengnau zur Hayek-Gruppe.

«Eine charismatische Figur»

Innerhalb der Branche wird die Leistung von Hayek für die Uhrenindustrie gewürdigt, selbst von Konkurrenten der Swatch-Gruppe. Beispielsweise war Hayek für Daniel Schluep, Chef und Mitbesitzer der Uhrenfabrik Titoni in Grenchen, «eine Persönlichkeit, der die Uhrenindustrie in den vergangenen 30 Jahren geprägt hat wie kein anderer.» Die Bezeichnung «Retter der Schweizer Uhrenindustrie» könne man ihm durchaus zugestehen. Mark Branschi, Geschäftsleiter der unabhängigen Grenchner Uhrenfabrik Fortis AG, hatte Hayek persönlich nicht gekannt. Er spricht aber spontan das Retterimage von ihm an und sagt: «Ich ziehe vor ihm den Hut. Hayek hat sich mit viel Einsatz – und das nicht nur in der Rettungsphase, sondern auch in den Jahrzehnten danach – für die gesamte Uhrenindustrie eingesetzt. Und das ist ihm hoch anzurechnen.»

Stephan Ingold, Co-Leiter der Solothurner Uhrenherstellerin Chrono AG, spricht von «einer charismatischen Figur». Er habe sich durch sein Auftreten, seine Kraft und seine Arbeit grosse Verdienste um die ganze Uhrenindustrie, aber insbesondere um die Swatch-Gruppe, erworben. Die Bezeichnung «Retter der Uhrenindustrie» treffe zu, aber Hayek «war ‹nur› einer von mehreren Rettern».

In diesem Zusammenhang wird es über den Tod von Nicolas Hayek hinaus weitere Diskussionen um die Lancierung der legendären Swatch-Uhr geben. Kritiker warfen ihm vor, er habe sich dabei mit fremden Federn geschmückt. Für André Bernheim, Co-Chef der Mondaine Watch in Biberist, ist eindeutig Ernst Thomke der «Erfinder» der Swatch. Für deren Weiterentwicklung und den kommerziellen Erfolg sei aber Hayek «zuständig» gewesen. Mondaine hatte eine Woche vor der Swatch in Zusammenarbeit mit der Migros die «M-Watch» lanciert.

Von Macht und Ohnmacht

Swatch ist aber nicht einfach ein normaler Uhrenhersteller, sondern die weltweite Nummer eins mit entsprechender Dominanz, welche die Mitbewerber auch zu spüren bekommen. Die Swatch Group sei eine Grossmacht in der Branche und daher seien alle unabhängigen Uhrenhersteller in kleinerem oder grösserem Ausmass geschäftlich von diesem Konzern abhängig, erklärt Daniel Schluep von Titoni. Seine Firma selbst beziehe beispielsweise praktisch alle Uhrenwerke von der Swatch-Tochter ETA. Schluep hofft deshalb, «dass Swatch als wichtigster Player in der Schweizer Uhrenindustrie die Verantwortung gegenüber dem Umfeld auch weiterhin wahrnehmen wird; sodass sich gesunde und gut positionierte KMU – die notgedrungen auf ein Umfeld von effizienten Komponentenherstellern angewiesen sind – weiterentwickeln können.»

Mit Fakten abfinden

Auch Fortis bezieht seine Uhrwerke bei der ETA. Die Frage, ob die Swatch-Gruppe mit ihrer Grösse die Bedingungen für ihre Kunden diktiere, wollte Branschi nicht mit Ja oder Nein beantworten. «Als KMU müssen wir uns mit den Begebenheiten und den Fakten abfinden. Aber es gibt keinen Grund, sich zu beklagen.» Die Hauptaufgabe der unabhängigen Uhrenhersteller sieht er vielmehr darin, flexibel zu sein und am Markt die geeigneten Lücken für «ihre» Uhren zu finden. Reagiert auf die Dominanz von Swatch bei den Uhrwerken hat die Mondaine Watch. Die Biberister beziehen heute die Uhrwerke auch von anderen, Swatch-unabhängigen Lieferanten, wie André Bernheim erklärt. «Es sei wichtig, dass auch dort die Konkurrenz spielt.»

«Kunden und Konkurrenten»

Stephan Ingold von der Chrono AG zeigt sich pragmatisch und geht davon aus, dass die Zusammenarbeit für Chrono mit der Swatch-Gruppe wie bis anhin weiterlaufen werde. «Die Situation ist für praktisch alle unabhängigen Uhrenhersteller dieselbe. Einerseits sind wir Abnehmer von Swatch-Komponenten, andererseits treten wir auf dem Markt als Konkurrenten an.»

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