Hägendorf

In einer Stunde ökonomisch um die Welt

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Raiffeisen-Chefökonom Martin Neff gab in Hägendorf eine wirtschaftliche Lagebeurteilung ab.

Der Mann versteht es, das Publikum mit seinem Sachverstand und seinen Pointen in den Bann zu ziehen: In der gut gefüllten Raiffeisen Arena in Hägendorf faszinierte Martin Neff, Chefökonom der Raiffeisen-Gruppe, unter dem Titel «Wirtschaftliche Lagebeurteilung» Genossenschafter und Kunden der Raiffeisenbank Untergäu und der Raiffeisenbank Gäu-Bipperamt mit einem einstündigen Referat – wie gewohnt in freier Rede ohne Manuskript gehalten sowie mit vielen aussagekräftigen Charts und Zahlenreihen untermauert.

«Donald Trump hat sich verrechnet»

In seiner Wirtschafts-, Finanz-, Zinsen- und Immobilienfragen streifenden ökonomischen Weltreise warf Martin Neff einleitend einen Blick auf die vielen globalen Baustellen. Dabei zeigte er eindrücklich auf, wie sich der amerikanische Präsident Donald Trump mit seinen Zollschranken gegen China verrechnet hat («zwar gibt es nun 15 Prozent weniger Importe aus China, aber die USA haben immer noch ein grosses Handelsbilanzdefizit, weil andere Länder für die Chinesen einsprangen»). Er skizzierte die beiden grossen asiatischen Volkswirtschaften China («die Zeit der zweistelligen Wirtschaftswachstumsraten ist vorbei») und Japan («das Experimentieren geht weiter»). Schliesslich landete er in Europa («Deutschland wurde von der Konjunkturlokomotive zu einem der hintersten Wagen»).

A propos Deutschland: Unter dem Titel «Am Tropf des Nordens» unterstrich Neff die grosse Bedeutung unseres nördlichen Nachbarlandes als unser wichtigster Handelspartner. 19 Prozent aller Schweizer Exporte gehen nach Deutschland. Und davon wiederum ein Grossteil in nur wenige Bundesländer. So entfallen auf Baden-Württemberg, wohin die Schweiz mehr exportiert als nach Frankreich, Italien, China oder Grossbritannien, nicht weniger als 18 der aus den gesamten Exporten nach Deutschland gelösten 44 Milliarden Franken.

«Wir sind ein Pharmaland»

So interessant seine weltwirtschaftlichen Ausführungen waren, der Grossteil des Publikums wartete natürlich besonders gespannt darauf, was Martin Neff zur Schweizer Wirtschaft zu sagen hatte. Mit Blick auf den Arbeitsmarkt stellte er fest, dass seit 2003 zwar rund eine Million neue Jobs geschaffen wurden – jedoch vorwiegend in (staatsnahen) Dienstleistungen und kaum in der Industrie. «Da haben wir Probleme», sagte Neff. «Denn was wir sehen, ist eine Übermacht des Pharmasektors. Dieser macht 8 Prozent unseres Bruttoinlandprodukts aus – weltweit liegt in keinem anderen Land ein einziger Industriezweig höher. Wir sind also ein Pharmaland und würden ohne die Pharmaindustrie ein Handelsbilanzdefizit aufweisen.»

Zweites wichtiges Standbein der Schweizer Wirtschaft ist der Tourismus, laut Martin Neff der Haupttreiber der Dienstleistungsbilanz. Mit Blick auf den unverändert hohen Schweizer Franken («1.30 zum Euro ist eine Utopie») betonte Neff, dass für den Tourismus nicht der Wechselkurs wichtig sei, «sondern wie es im Ausland wirtschaftlich läuft.» Bezüglich die Schweiz besuchende ausländische Gäste sieht Neff die Zukunft im Osten – und zwar im Fernen Osten (China), im Nahen Osten (arabische Länder) und im nächsten Osten (Osteuropa).

Weniger rosig beurteilt Neff hingegen die Situation des Detailhandels, der sich vom Franken-Schock nicht erholt hat, obwohl der private Konsum stark unterwegs ist. «Diese Branche hat ein Problem», konstatierte er.

«Der Euro ist nicht totzukriegen»

Treffende Antworten hatte Martin Neff auch auf die Fragen aus dem Publikum im Anschluss an sein Referat parat. So zur Entwicklung der Hypothekarzinsen («die werden nicht so steigen, dass wir Probleme am Hypothekarmarkt bekommen»), zum von der Finma verlangten kalkulatorischen 5-Prozent-Hypozins («gehört zu den regulatorischen Irrtümern und verbaut vielen Jungen den Weg zum Eigenheim»), zur Zukunft des Euro («offen gesagt bin ich erstaunt, dass er noch lebt, aber er ist nicht mehr totzukriegen, weil er eine Friedenswährung ist») und zu Kryptowährungen («wenn Sie jeden Tag Spannung wollen, können sie in solche investieren»).

Text und Foto: Raiffeisenbank Untergäu

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