Vierte Welle
Mediensprecher des Unispitals Basel sagt: «Einschränkungen werden wohl in den nächsten Tagen nötig»

Die Spitäler planen bereits einen Ausbau der Bettenzahl und eine Reduzierung anderer Behandlungen. Reagiert der Bundesrat?

Sabine Kuster, Doris Kleck
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Die Spitäler müssen ihre Corona-Stationen wohl bald erneut ausbauen. Bild aus dem Kantonsspital Fribourg.

Die Spitäler müssen ihre Corona-Stationen wohl bald erneut ausbauen. Bild aus dem Kantonsspital Fribourg.

Peter Klaunzer / KEYSTONE (12. November 2020)

Am Donnerstag gab es so viele Neuinfektionen wie Mitte Oktober 2020, als die Kurve der zweiten Welle in die Höhe schnellte: 2777. Doch die Fallzahlen sind nicht mehr das Mass der Dinge. Bund und Kantone orientieren sich bei der Bekämpfung der Pandemie nur noch an einem Kriterium: der Auslastung der Spitäler. Wenn die Überlastung droht, werden die Massnahmen verschärft.

Bereits ertönen die ersten Warnrufe. Die Schweizerische Gesellschaft für Intensivmedizin SGI wies am Donnerstag daraufhin, dass die Schweiz seit einigen Tagen wieder eine sehr starke Zunahme an kritisch kranken Covid-Patienten verzeichnet – die allermeisten sind Ungeimpfte.

Laut der Schweizerische Gesundheitsdirektorenkonferenz GDK gibt es zurzeit zwar noch Reserven, Stand Donnerstag betrug die Auslastung der Intensivstationen insgesamt 75 Prozent – 16 Prozent allein durch Covid-19-Patientinnen und Patienten.

«Die Entwicklung ist aber besorgniserregend und Massnahmen müssten auf jeden Fall ergriffen werden, bevor die Spitalkapazitäten ausgeschöpft sind, denn sie wirken erst mit einer gewissen Verzögerung», so die GDK. Die Spitäler seien immer noch daran, intensivpflichtige Operationen nachzuholen, die in früheren Wellen zur Behandlung von Covid-19-Patienten verschoben werden mussten.

Einschränkungen im Unispital Basel in nächsten Tagen erwartet

Erste Spitäler in der Schweiz reagierten bereits auf die Zunahme der Hospitalisationen. Das Kantonsspital Luzern reduziert die elektiven Operationen. Also all jene, die nicht dringlich sind. Zwar kommt es noch nicht zu Verschiebungen, aber es werden keine neuen Termine vergeben. Das Unispital Basel diskutiert über Einschränkungen. Mediensprecher Nicolas Drechsler sagt:

«Die Einschränkungen in unserem Spital werden wohl in den nächsten Tagen nötig werden.»

Das Kantonsspital St. Gallen wiederum hofft, dass der Anstieg nur ferienbedingt und vorübergehend sei, «und wir auf das Verschieben von geplanten Operationen verzichten können.»

Auch die kleinen Spitäler sehen eine rasche Veränderung: In den beiden Spitälern im Kanton Solothurn lagen lange nur ein bis fünf Coronapatienten auf den normalen Stationen – nun ist die Zahl innert fünf Tagen auf 15 gestiegen. Noch herrscht Normalbetrieb. Auch im Aargau. Doch seitens des Kantonsspital Baden heisst es: «Die Auslastung ist sehr hoch. Wir hoffen, dass wir unser Eskalationsstufenmodell nicht aktivieren müssen.»

Nicht überraschend steigen in jenen Kantonen die Hospitalisationen rasch an, wo auch die Fallzahlen emporschiessen. Und diese wiederum decken sich oft mit den Durchimpfungsraten: Besonders deutlich ist dies in der Ostschweiz zu sehen, wo erst rund 50 Prozent wenigstens eine Impfdosis erhalten haben:

In Basel Stadt hingegen haben fast 60 Prozent eine Impfdosis erhalten – und dennoch sind die Fallzahlen und Hospitalisationen hoch. «Die Durchimpfung ist bei weitem nicht hoch genug», sagt Nicolas Drechsler. Insbesondere jetzt, wo ungeimpfte Ferienrückkehrer infiziert nach Basel zurückkämen und in Extremfällen direkt vom Flughafen ins Spital fahren würden, werde man Massnahmen ergreifen müssen, um die Gesundheitsversorgung für alle sicherzustellen.

Die Zahl der neuen Hospitalisierungen verdoppelt sich aktuell alle ein bis zwei Wochen. Laut der Konferenz der Gesundheitsdirektoren könnte das Kriterium für Verschärfungen bald erreicht sein. Offiziell ist kein Schwellenwert definiert. Auf dem Peak der zweiten Welle waren 510 Intensivbetten nur mit Coronakranken belegt. Patrick Mathys vom BAG hat diese Woche die Belegung von 300 Intensivbetten als kritischen Punkt erwähnt. Aktuell sind es 163 – vor einer Woche noch halb so viele.

Bundesrat diskutiert Verschärfungen

Diese Entwicklung macht die Politiker nervös. Dass der Bundesrat heute nochmals die Normalisierungsphase ausrufen würde, wird in Bern bezweifelt. Ursprünglich war vorgesehen, dass der Bundesrat seine nächste Lagebeurteilung am 1. September vornehmen und neue Lockerungsschritte einleiten wird. Dieser Zeitplan ist bereits Makulatur.

Und vor allem: Alle Zeichen stehen auf Verschärfungen. Dem Vernehmen nach wird der Bundesrat nächsten Mittwoch eine Auslegeordnung machen und allenfalls auch bereits neue Massnahmen in die Konsultation schicken. Diskutiert wird etwa eine Ausweitung der Zertifikats- und Maskenpflicht oder eine Verkürzung der Gültigkeitsdauer des Covid-Zertifikats für negativ Getestete.

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