Videocity
Weihnachten alleine gefeiert? Der Messeplatz kann davon Geschichten erzählen

Die Kunstinitiative Videocity zeigt seit Beginn der Pandemie Kurzfilme zum Thema Einsamkeit – von euphorisch bis depressiv.

Hannes Nüsseler
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15 Stunden Einsamkeit: «Loneliness II» beim Congress Center.

15 Stunden Einsamkeit: «Loneliness II» beim Congress Center.

zvg / Dirk Wetzel

Ein Vorhang öffnet sich über dem Messeplatz. Eine ältere Frau blickt durchs Fenster, macht kehrt und dreht ihre Heizung auf. Gute Idee, denkt man draussen auf der zugigen Strasse. Ein ganze Stunde dauern die zwölf Videos zum Thema Einsamkeit, kuratiert von der Kunstinitiative Videocity für die digitale Anzeige beim Eingang des Congress Centers. Täglich von morgens um acht bis abends um elf Uhr laufen die Beiträge, ohne ein erkennbares Publikum, ohne Sitzgelegenheiten. Ohne Ton.

Jemand schreit sich die Seele aus dem Leib – zu hören ist nur Strassenverkehr. Eine Frau im Glitzerkleid führt ihren Tannenbaum am grauen Meer spazieren. Drollige Ziegen. Untertitel, zu klein auf diese Distanz. Um sie lesen zu können, müsste man die Kreuzung überqueren, aber da kommt schon das Tram…

Videostill aus «Personal Christmas, Part II».

Videostill aus «Personal Christmas, Part II».

Gentle Women

Während der Bundesrat verhaltene «Tage der Freude» einleitet, geht die Tristezza am Messeplatz bis zum 6. März weiter. «Wir zeigen die ganze Bandbreite, von euphorisch bis depressiv», beschreibt Videocity-Leiterin Andrea Domesle das Programm zu «Loneliness II». «Wir starteten den ersten Programmteil noch vor der Krise.» Unter dem Eindruck von Covid setzte sie den Zyklus über das existenzielle Gefühl der Einsamkeit fort.

Gespielt werden heimische und internationale Beiträge, meist nur wenige Minuten lang und ohne erzählerische Pointe. «Es handelt sich um Videos, deren Komposition und Ästhetik zum Stadtraum passen», erklärt Domesle und hebt den subversiven Charakter von Videocity hervor. «Im Unterschied zu Werbung soll das Publikum merken: Die wollen mir ja gar nichts verkaufen!»

Ableger in Aarau, Abu Dhabi und London

Den Wunsch, städtische Freiräume für die Auseinandersetzung mit aktuellen und sozialen Themen zu schaffen, setzte die Kunsthistorikerin und Kulturmanagerin 2013 erstmals in die Tat um. «Die Videokunst hat es auf dem Kunstmarkt schwer», sagt sie. «Deshalb wollte ich ihr in Basel zu mehr Sichtbarkeit verhelfen.» Bespielte Videocity zunächst Schaufenster und Lobbys von Kulturinstitutionen, hat sie seit einigen Jahren ihren festen Platz auf dem digitalen «Billboard» des Congress Centers gefunden.

«Am Messeplatz faszinieren mich die Pendler, aber auch das Aussergewöhnliche der Art Basel», erzählt Domesle. Bei der Programmierung nehme man auf Befindlichkeiten Rücksicht, beispielsweise wenn es um religiöse Inhalte oder die Darstellung von Gewalt geht. «Wir haben auch Videos, die nicht jugendfrei sind. Um diese zu zeigen, bedarf es eines passenden Ortes. Derzeit sind wir mit einem ehemaligen Erotikclub im Gespräch.»

Videocity-Gründerin Andrea Domesle.

Videocity-Gründerin Andrea Domesle.

Zvg / Berthold Müller

Wahrt Videocity inhaltlich die Grenzen des guten Geschmacks, sucht das Kunstprojekt umso offensiver Kooperationen, die den geografischen Rahmen sprengen: «Es ist mir ein Anliegen, Kunstschaffende länderübergreifend unterzubringen.» Videocity hat mittlerweile auch Ableger in Aarau, Genf, Abu Dhabi und London. «Das ist das Positive an der Pandemie und dem Digitalisierungsschub», erklärt Domesle.

Als weitere Reaktion auf die Krise hat die Kulturmanagerin in den vergangenen zwei Jahren jeweils an die 20 Praktikantinnen und Praktikanten per Zoom ausgebildet. «Viele hatten ihre Plätze verloren beziehungsweise keine mehr gefunden.» Dabei ist das Budget von Videocity knapp, Swisslos-Gelder gab es nur im ersten Projektjahr. «Um selbst über die Runden zu kommen, habe ich diverse Jobs im In- und Ausland.»

Der Film im Kopf dreht weiter

Das digitale Format im Aussenraum erlaubt Videocity grosse Flexibilität. Nach einer solidarischen Auszeit während des ersten Lockdowns war die Anzeige am Messeplatz seit Mai 2020 ständig in Betrieb. «So wurde Videocity entsprechend vermehrt wahrgenommen. Es ist krisenkonform und kommt einem Sicherheitsbedürfnis nach individueller Rezeption im Freien entgegen.» Dass nur wenige länger vor der Anzeige verweilen, stört Domesle nicht.

«Das Publikum setzt sich mehrheitlich aus Pendlern, Kundinnen und Anrainern zusammen, die die Videos schon kennen.» Nach einer gewissen Zeit setze ein Gewöhnungseffekt ein. Doch selbst wenn niemand eine ganze Stunde bleibe, halte ein gewisser Prozentsatz für einen kürzeren oder längeren Augenblick. Bei den vielen Tausenden oder gar Zehntausenden potenziellen Zuschauenden pro Standort läppert sich das zusammen.

«Die Filme drehen im Kopf weiter», sagt Domesle. «So trägt man Gedankensplitter oder ein Gefühl mit in den Tag.» Die Ahnung zum Beispiel, dass es für Untertitel eine bessere Brille braucht.

Videocity: «Loneliness II», Messeplatz, bis 6. März. www.videocity.org

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