Nachgefragt

Philippe Kramer von der Klimabewegung Basel: «Wir müssen überlegen, wie wir unsere Demokratie retten können»

Philippe Kramer ist Teil der  Klimabewegung Basel.

Philippe Kramer ist Teil der Klimabewegung Basel.

Philippe Kramer spricht über Treibhausgasemissionen, Systemwandel und das Reiseverhalten der Schweizer.

Herr Kramer, Sie sind Teil der Klimabewegung Basel. Vergangene Woche haben Sie in der bz zum Ausdruck gebracht, wie die Zeit dränge. «Falls wir dieses Zeitfenster nicht nutzen, müssen wir unsere Demokratie gegen unser Leben auf dem Planeten abwägen», meinten Sie. Eine radikale Aussage, die Ihnen viel Kritik eingebracht hat. Warum?

Philippe Kramer: Eine solche Aussage ist gefährlich, weil es auf keinen Fall Szenarien geben sollte, in denen die demokratischen Prozesse nicht gewahrt werden können. Ich wollte darauf aufmerksam machen, dass uns genau das droht: Wenn wir so weitermachen wie bisher, steht uns eine Katastrophe bevor. Das Trinkwasser wird in vielen Ländern knapp, laut Weltbank verlieren bis im Jahr 2050 140 Millionen Menschen ihre Lebensgrundlage. Es kommen Notstände auf uns zu, die Entscheidungen erfordern, die schneller getroffen werden müssen, als das unsere demokratischen Prozesse zulassen. Was machen wir dann? Wir müssen uns überlegen, wie wir unsere Demokratie verteidigen können. Und wir müssen verhindern, dass es zu diesem Dilemma kommt. Darum fordern wir eine konsequente Klimapolitik.

Sie verlangen, dass die Schweiz bis 2030 im Inland netto 0 Treibhausgasemissionen verursacht. Ansonsten bräuchte es einen Systemwandel. Wie ist das zu verstehen?

Wenn wir bis 2030 den Ausstoss von CO2 ausreichend reduziert haben, können wir die oben beschriebene Welt verhindern. Dafür braucht es grosse Anstrengungen. Wenn wir von Systemwandel sprechen, stellen wir die Frage: Schaffen wir es mit den gleichen politischen und wirtschaftlichen Mechanismen, mit denen wir in diese Krise kamen, wieder hinaus?

Für viele ist der Systemwandel gleichbedeutend mit der Abkehr vom Kapitalismus. Ist die Klimabewegung eine sozialistische Bewegung?

Nein, auch für Klimastreik ist diese Frage offen. Ich glaube, dass es nicht schlau ist, wenn der Sozialismus die einzig andere diskutierte Option ist. Wir brauchen neue Ideen, wie wir unsere Gesellschaft organisieren könnten, damit wir ökologischer und gerechter leben können.

Sie kritisieren die Politik. Gleichzeitig sind Sie nicht bereit, sich in Gremien einzubringen. Warum wollen Sie keine Verantwortung übernehmen?

Sässe Klimastreik in einem Parlament, müssten wir Entscheidungen zu Krankenkassen und vielem mehr treffen. Das sind aber nicht unsere Themen. Unsere Aufgabe ist es, von aussen Druck auf die Parlamente dieser Welt zu machen.

Die Zahl der jungen Flugpassagiere nimmt am meisten zu. Ist der Klimastreik keine Massenbewegung, sondern eine Randerscheinung?

Frühere Generationen sind damit aufgewachsen, dass man selten weit weg reist – wir jüngeren finden es leider normal, um die ganze Welt zu fliegen, auch weil die Preise so extrem niedrig sind. Hier zeigt es sich auch, wie schwer es ist, Normen zu verändern. Aber es ist möglich: In Deutschland gingen die Inlandflüge alleine im November um 12% zurück. Auch wir in der Schweiz müssen unser Reiseverhalten überdenken. Denn es geht um nicht Geringeres als unsere Demokratie.

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