Massenentlassung

Peter Spuhler wollte Prattler Firma helfen – doch man liess ihn nicht

Die Schreinerei Schneider AG in Pratteln entlässt 70 Angestellte. Die Firmenleitung machte Stadler Rail mitverantwortlich: Sie habe Verhandlungen über die Lieferung von Schneider-Zugtoiletten platzen lassen. Doch jetzt wehrt sich der Zughersteller.

Die Systemtech Schneider AG steht vor dem Kollaps. Stadler Rail lässt die Toiletten für seine Züge nicht mehr in Pratteln herstellen – 80 Prozent des Bestellvolumens brechen weg, gegen 70 Mitarbeitende verlieren ihre Stelle (siehe «Schweiz am Wochenende»). Hätte man den Niedergang verhindern können? Geht es nach Stadler, lautet die Antwort: Ja.

Die Medienstelle des Unternehmens teilt auf Anfrage der bz mit, Stadler habe hohe Anzahlungen von bis zu 15 Millionen Franken geleistet. Doch Systemtech Schneider habe Lösungsvorschläge abgelehnt, welche «die Fortführung des Betriebs ermöglicht hätten».

Pikant: Offenbar wäre Stadler-CEO und Verwaltungsratspräsident Peter Spuhler sogar dazu bereit gewesen, in die eigene Tasche zu greifen, um den in Schwierigkeiten geratenen Zulieferbetrieb zu retten. Stadler schreibt: «Peter Spuhler hat persönlich in Form eines privaten Darlehens Unterstützung angeboten.»

Stadler wollte weitere Verzugsstrafen verhindern

Von Seiten Systemtech tönt es ganz anders. Andreas Schneider, Verwaltungsratspräsident der Schreinerei Schneider AG, zeichnete in einem Schreiben an die Belegschaft ein Bild von Stadler Rail als eiskaltem Grossunternehmen, dem es egal sei, wenn woanders Mitarbeitende auf die Strasse gestellt würden. Stadler habe «scheinbar vergessen», schrieb Schneider, «dass hinter jedem Mitarbeiter eine ganze Familie steht».

Acht Monate lang hätten die Verhandlungen mit Stadler gedauert. Mit negativem Ausgang. «All das löst diese Traurigkeit und diese gewisse Wut in mir aus», schreibt Schneider. Ihm sei aufgezeigt worden, «dass Vertrauen und Ethik in der heutigen Geschäftswelt sehr wenig zu suchen haben».

«Intensiv über verschiedene Varianten verhandelt»

Andreas Schneider, der auch die Wirtschaftskammer Baselland präsidiert, teilte am Montag der bz mit, man habe mit dem Rollmaterialhersteller mit Sitz im thurgauischen Bussnang «intensiv über verschiedene Varianten verhandelt». Auf weitere Details ging er nicht ein.

Stadler liess bereits das Lager per LKW aus Pratteln abtransportieren. Das ist offenbar auch zum Wohl von Systemtech Schneider geschehen. Stadler teilte schon vergangenen Freitag mit, man habe «die Materialien für die eigenen Aufträge übernommen, damit Verpflichtungen eingehalten und drohende Verzugspönalen minimiert werden können.» Die Thurgauer führen laut eigenen Angaben Bewerbungsgespräche mit Systemtech-Mitarbeitenden.

Die Schneider-Gruppe ist im vergangenen Jahrzehnt immens gewachsen. Der Mitarbeiterbestand wuchs zwischen 2010 und 2019 von 60 auf 160 an. Die Probleme begannen schon vor der Coronakrise. So waren vor den jetzt angekündigten 70 Entlassungen bereits rund 50 Stellen abgebaut worden.

WC-Modul fährt weltweit in Stadler-Zügen herum

Grossen Anteil an der Expansion hatte das Erfolgsprodukt «Toilino». Stadler verbaut das WC-Modul unter anderem in die «Flirt»-Kompositionen und in den Schnellzug «Giruno».

Für Pratteln ist der Stellenabbau ein Schock. Gemeindepräsident Stephan Burgunder (FDP) schreibt, die Gemeinde bedauere ihn ausserordentlich, «zumal es ich dabei um eine Prattler Traditionsfirma handelt, die weit über unsere Region hinaus bekannt war.»

Bei Massenentlassungen wird das kantonale Amt für Industrie, Gewerbe und Arbeit (Kiga) aktiv. Es teilt mit, man habe dem Betrieb die Unterstützungsleistungen mitgeteilt. «Weitere Gespräche in dieser Sache sollen ab dieser Woche stattfinden.»

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