Ortsunkunde
Hexmatter Orgie

Simon Morgenthaler besucht für die ‹Schweiz am Wochenende› frei assoziierend und fabulierend Baselbieter Orte mit prägnanten Namen. Dabei macht er sich viele falsche Freunde und begibt sich zielstrebig auf Irrwege. Heute: in Pratteln.

Simon Morgenthaler
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Hexmatt, Pratteln. Hier gerät der bz-Kolumnist plötzlich in eine infernale Orgie.

Hexmatt, Pratteln. Hier gerät der bz-Kolumnist plötzlich in eine infernale Orgie.

Simon Morgenthaler / bz Zeitung für die Region

Wenn die Pestseuche wütete, hätten sich die Pratteler auf der Hexmatt versammelt, um die Furcht durch Tanzen zu vertreiben. Vielleicht waren es auch Hexen. Heute spielt man hier Fussball, auch ein Teufelswerk, ich nähere mich der Wiese. Eine Verbotstafel, der Platz ist gesperrt, Hunde sind nicht erlaubt. Und doch überkommt mich der hündische Reiz, das Verbot zu übertreten. Ich schaue mich um, niemand ist zugegen. Ich mache einen Schritt.

Plötzlich schummriges Licht, eine unerträgliche Kakophonie kruder Klänge, ein Durcheinander von Menschen, das wie aus einem ewigen Nebel entsteigt, es zieht mich hinein in den Reigen. Gleich vor mir vollziehen Seuchenleugner einen rituellen Ententanz, arg bedrängt von Antispeziesisten, die derart laut mit den Füssen stampfen, dass sie die Seufzer der zertretenen Kleinstlebewesen nicht hören. Weissgekittelte Wissenschaftler führen verlegen einen unkoordinierten Square-Dance auf, im Rücken eine Horde sambatanzender Glatzen, durchwirbelt von streng schauenden Heti-Hippie-Paaren, die sich im diktatorischen Dreivierteltakt eines Walzers drehen.

Etwas weiter hinten ein stumm-wogender Ausdruckstanz: Auf der rechten Seite eine Schar von Wutbürgern, die sich wütig über die Wut der Wutbürger auf der linken Seite, die ihrerseits wütig die Hände verwerfen, die Haare raufen. Immer wieder hüpfen panisch Historiker herum, die auf Hochglanz-Flugblättern Hiobsbotschaften verteilen. Ein bärtiger Jüngling dreht sich wie ein Derwisch und hebt in schwarzen Latexhandschuhen einen hostiengrossen Hamburger gen Himmel. Schon schuhplattlert eine Gruppe zähnefletschender Veganer in Lederhosen heran. Alte weisse kritische Männer im Tutu werden von jungen weissen, ebenso kritischen Frauen in die Luft geschleudert und zappeln mit den Zehenspitzen, die Klimagegner führen im Hintergrund um ein furzendes goldenes Kalb einen Kreistanz auf. Bei einem kupfernen Kessel tanzen Esoteriker einen Kasatschok und schütten regenbogenfarbene Elixiere hinein. Die Brühe wird immer brauner. Daneben fixen Impfgegner apathisch eine linksgerührte Essenz aus aussterbendem Edelweiss. Und die, die sich für nichts interessieren, twerken in Maske ostentativ, aber erschöpft mit ihren Hintern.

Ich torkle zurück. Nichts als eine grüne Wiese. Ich nehme meinen Besen, vorne sitzt der Böse, und ich bin – wie Jakob Süry im Hexenprozess anno 1577 gepetzt hat – schneller daheim, «denn einer möchte ein Ey essen.»