Gesuchter Nager

Ist der Gartenschläfer nach 101 Jahren zurück in der Region Basel?

Der putzige Geselle mit der markanten Gesichtsfärbung stellt die Fachwelt vor Rätsel: Er wird in der Region kaum noch gesichtet.

Der Aufruf, der in den letzten Wochen in zahlreichen Gemeindeblättern des Kantons Solothurn erschienen ist, tönt teils dramatisch: Die Einwohner werden gebeten, Beobachtungen von den drei heimischen Vertretern der Bilche – Haselmaus, Siebenschläfer und Gartenschläfer– zu melden.

Der dramatische Teil bezieht sich auf den Gartenschläfer: Dessen letzte Beobachtung im Kanton Solothurn sei schon 101 Jahre alt. Kein Wunder, dass glaubhafte Nachweise mit einer Flasche Wein belohnt werden. Hinter dem Aufruf steht das Naturmuseum Solothurn, das die Bilche im Rahmen des Projekts «Heckengeister & Klettermeister» ins Schaufenster stellt.

In den beiden Basel steht es um den Gartenschläfer nicht viel besser

Die letzten Beobachtungen stammen aus den 1990er-Jahren, als je ein Gartenschläfer im Birs- und im Ergolztal sowie in Basel gesichtet wurde. Und der Aargau ist gänzliches Gartenschläfer-Brachland. Häufiger kommt er dagegen im Waadtländer und Neuenburger Jura sowie in den Alpen vor.

Das geht aus einer Zusammenstellung des Schweizerischen Zen–trums für die Kartografie der Fauna hervor. Von einem «drastischen Schrumpfen des Verbreitungsgebiets mit rätselhafter Ursache» spricht auch der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland und rief vor einem Jahr zur «Spurensuche Gartenschläfer» auf.

Was ist los mit dem sympathischen Gesellen mit der charakteristischen schwarzen Gesichtszeichnung, der grössenmässig zwischen einer Maus und einer Ratte rangiert, entgegen seinem Namen vorzugsweise in Wäldern mit felsigem Untergrund lebt und am liebsten Insekten, Spinnen, Schnecken sowie Obst und Beeren frisst? Nun, die Antworten von Fachleuten passen zur rätselhaften Aura, die den Gartenschläfer umgeben: Sie divergieren. Gleichzeitig betonen alle, es handle sich um Vermutungen und nicht um gesicherte Erkenntnisse.

Ist der Klimawandel oder der Verwandte schuld?

Da wäre einmal die Berner Wildtierbiologin Irene Weinberger, die am Projekt Heckengeister & Klettermeister mitarbeitet. Sie sagt, es gebe auf den Aufruf hin zwar viele Rückmeldungen zum Siebenschläfer, aber nur eine einzige – ohne Bild – aus Welschenrohr zum Gartenschläfer. Weinberger: «Uns fehlen schlicht die Grundlagen, um beurteilen zu können, ob der Gartenschläfer auf dem Rückzug ist.» Falls ja, könnte das mit der drastischen Veränderung der Landschaft zusammenhängen. Denn der Gartenschläfer brauche Deckung.

Regula Tester, Basler Biologin und Präsidentin von Pro Bilche, macht eine kleine regionale Auslegeordnung: In der elsässischen Petite Camargue vor Basels Toren habe eine Studie vor etwas mehr als 2o Jahren zahlreiche Gartenschläfer nachgewiesen. Und es gebe auch heute dort noch welche. Doch generell gehe sein Bestand in der Ebene zurück, während er in den Höhen wie etwa in den Vogesen oder im Schwarzwald noch relativ häufig vorkomme.

«Die Übersicht über den Gartenschläfer ist schlecht»

Auch bei seiner Verwandten, der Haselmaus, stelle man einen Rückgang in der Ebene fest, was mit der Klimaerwärmung mit feuchtwarmen Wintern zu tun habe. Tester: «Es ist möglich, dass auch der Gartenschläfer deshalb im Flachland immer seltener wird.» Eine andere These vertritt der Wildtierbiologe Darius Weber aus Rodersdorf. Er schickt voraus: «Die Übersicht über den Gartenschläfer ist schlecht. Denn das war lange eine Tierart, die nicht gross interessierte, weil sie klein, ungefährlich und nicht essbar ist.»

Dass aber in den letzten hundert Jahren kaum Exemplare in der Nordwestschweiz gesichtet worden seien, könne einen biogeografischen Grund haben. Weber: «Es gibt in unserer Gegend wahrscheinlich zwei Unterarten: den Tieflandgartenschläfer in der Rheinebene und nördlich davon und den Berggartenschläfer in den höheren Juraregionen und Alpen. Dazwischen, das heisst im Flachland bei uns, gibt es nichts.»

Dafür könne ein Stück weit der grössere, wärmebedürftige Siebenschläfer verantwortlich sein, der tiefere Lagen bevorzuge. Weber: «Deshalb muss der Gartenschläfer mit höheren Lagen vorliebnehmen.»

Autor

Andreas Hirsbrunner

Andreas Hirsbrunner

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