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In achtzig Tagen um die eigene Welt: Der wegweisende Charakter des Autonomen Jugendzentrums von Basel

Das Autonome Jugendzentrum an der Hochstrasse existierte nur kurz, war für die Jugendbewegung aber von zentraler Bedeutung.

Ayse Turcan
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AJZ und Polizei 1981

AJZ und Polizei 1981

Claude giger

Videoaufnahme in Schwarz-Weiss. Die Kamera schwenkt erst über die Dächer von grauen Gebäuden, dann über Gleise. Träge fahren Züge in verschiedene Richtungen. Die Szene ist unterlegt von rhythmischen Trommeln. Dann erscheint collageartig der Schriftzug: «Am 14. Februar haben sich Basler Jugendliche ihr AJZ genommen.» Das ist die Eröffnungssequenz des Films «Es herrscht wieder Frieden im Land» von 1981. Frieden – oder zumindest Ruhe und Ordnung – herrschten in Basel erst wieder, nachdem ein dreimonatiges Experiment gewaltsam beendet und das Autonome Jugendzentrum (AJZ) hinter dem Bahnhof geräumt worden war.

«Europas grösstes Autonomes Jugendzentrum»

Am 14. Februar 1981 haben Jugendliche im Anschluss an eine Demonstration ein leerstehendes Industriegebäude besetzt. Es war eine alte Coop-Schuhfabrik an der Hochstrasse 16, die zuletzt von der Post verwendet worden war und deren Abrissdatum bereits feststand. «Was ich mit diesem AJZ wollte, war, dass es einen Ort gibt, an dem so etwas wie ein Freistaat entstehen kann. Wo es keine vorgeschriebenen Gesetze gibt. Wo die Gesetze entstehen müssen.» So erklärt eine AJZlerin zu Beginn von «Es herrscht wieder Frieden im Land», welche Hoffnungen sie in das Projekt gesteckt hatte. Im Verlauf des 30-minütigen Films über das Jugendzentrum werden Bilder aus dem Innern des Hauses und von Demonstrationen für das AJZ gezeigt und es kommen «Bewegte» sowie Gegnerinnen und Gegner der «Chaoten» zu Wort.

Im mehrstöckigen Gebäude an der Hochstrasse, laut einem zeitgenössischen Handbuch «Europas grösstes Autonomes Jugendzentrum», hatte es ausreichend Platz für alle Bedürfnisse und Vorlieben: Veranstaltungssäle, Wohnzimmer, Sitzungszimmer, Matratzenlager, eine «Beiz», ein Frauenzimmer. Aber auch ein Kiffer- und ein Alkizimmer. Organisiert haben sich die teilweise im AJZ wohnhaften Jungen in Arbeitsgruppen und Vollversammlungen. Nicht alle. Es war tatsächlich eine Art Freistaat, der naturgemäss nicht bei allen für Begeisterung sorgte. Wie Rolf Schenk im Basler Stadtbuch von 1981 festhält, zeigten sich «die lärmgeplagten Anwohner» wenig duldsam. Es bildeten sich Bürgerwehren und Gruppen sogenannter «Faschos» und Rocker, die das AJZ und seine Bewohner auch mal mit Schlagwaffen und Molotowcocktails angriffen.

Die Polizei räumte das Gebäude nach 80 Tagen. Der Einsatz hatte für viele der 141 Jugendlichen, die ins eigentlich stillgelegte alte Gefängnis Schällemätteli gebracht wurden, traumatisierende Auswirkungen. Sogar eine vom Grossen Rat eingesetzte Prüfungskommission kam laut Rolf Schenk zum Schluss, dass es im Schällemätteli «zu unbeschreiblichen Szenen gekommen war, weil die Jugendlichen randalierten und die Polizeiequipe zu klein war».

Freiräume in Basel
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Der Ruf nach Autonomie führte schon 1972 zum ersten AJZ im besetzten vormaligen makrobiotischen Restaurant «Manana» am Claragraben.
Die Besetzer des «Aktionskomitee Autonomes Jugendzentrum» forderten unter anderem Räume für eine Drogen- und eine Sozialberatungsstelle, Jugendräume und eine Notschlafstelle.
1981 wurde das ehemalige Postgebäude in Basel besetzt und zum Autonomen Jugendzentrum erklärt.
Die Schliessung des AJZ an der der Hochstrasse im Mai 1981 sorgte für eine Grossdemonstration.
Tausende gingen für das AJZ am 9. Mai 1981 auf die Strasse.
Die sogenannte Demoschutztruppe führte den Protestzug an...
... und einige Demonstranten prallten dabei mit der Polizei zusammen.
Nach der Demonstration ziehen die Demonstranten an den Petersgraben.
Frustriert durch die Nicht-Verhandlungsbereitschaft der Regierung wurden zwei der Stadt gehörenden Liegenschaften am Petersgraben in Basel besetzt.
Freiraum fand man in Basel Mitte der 80er auf dem Gelände der Alten Stadtgärtnerei.
Hier tobte sich eine bunte Truppe an Menschen aus...
... manche arbeiteten...
... und manche wohnten auch hier.
In der Stadtzgi gab es auch Freiraum für Kinder. Heute findet sich der eher nüchterne St. Johanns-Park
Die "Stadtzgi" wurde 1988 von der Polizei geräumt, was erneut zu Demos führte.
Ein Volksentscheid gegen die Alten Stadtgärtnerei hatte zur Räumung geführt, Ruhe kehrte aber noch nicht ein.
So wurde das alte Kino Union im Kleinbasel besetzt. Und im April 1989 geräumt.
1990 bis 1993 wurde die Grossgarage Schlotterbeck zwischengenutzt. Und das ganz legal, durch einen ordentlichen Mietvertrag mit der Volksbank.
Freiraum fanden viele Kreative 1990 in der alten Grossgarage Schlotterbeck.
Zum Beispiel Kunstschaffende...
... oder Handwerker.
War 15 Jahre lang ein Ort der Sehnsüchte: das nt/Areal, wo heute die Wohnsiedlung Erlenmatt steht
Grösster Freiraum heutzutage findet sich bei den Zwischennutzungen in der Hafengegend am Rhein Reportage über das Leben am Rhein.
Beim Hafen flackert es noch auf, das freie Lebensgefühl in der eingegrenzten Stadt. Reportage über das Leben am Rhein.
Hier haben sich auch die Wagenleute niedergelassen.

Freiräume in Basel

Keystone

«Es herrscht wieder Frieden im Land» ist eine Mischung aus Doku, Politsatire und Kunstfilm. Einer der Regisseure des Films, der heute 69-jährige Reinhard Manz, erklärt im Gespräch mit der bz sein damaliges Ziel: «Wir wollten eine Gegenöffentlichkeit zu schaffen.» Er und seine Mitstreiter, die den Film im Kollektiv aufgenommen hatten, wollten die AJZler selbst zu Wort kommen lassen. Es werden daher auch Probleme thematisiert, die aus Sicht der Jugendbewegung bestanden. Etwa, dass von den Leuten im AJZ erwartet wurde, «alle von der Gesellschaft unbewältigten Probleme innert kurzer Zeit zu lösen», wie es in der Mitte des Films heisst.

Wer waren die Achtziger in Basel und wofür standen sie?

An dieser Stelle werden in den nächsten Wochen Themen und Protagonisten der damaligen Jugendbewegung vorgestellt. Weitere Artikel dieser Serie haben wir für Sie am Ende des Textes verlinkt.

Eines dieser Probleme waren die Drogen, insbesondere das während der Achtzigerjahre immer populärer werdende Heroin. So gab es im AJZ auch einen Fixerraum, in dem sich die Heroinsüchtigen häufig aufhielten und konsumierten. Während der kurzen Lebensdauer des AJZ fingen einige an, Heroin zu spritzen, die das vorher nicht getan hatten. Der Freiraum zog nicht nur Autonome, sondern auch Drogendealer an. Diese brachten wiederum eine grosse Gewaltbereitschaft mit. Die Zustände im AJZ verwahrlosten zunehmend. Und es gab das Gerücht, dass die Polizei in der Stadt aufgegriffene Junkies gezielt ins AJZ schickte: Einerseits, um alle «Probleme» gebündelt an einem Ort zu wissen, andererseits, um den AJZlern das Leben schwer zu machen, so die Annahme.

Das AJZ hatte wegweisenden Charakter

Wieso sich um ein Experiment kümmern, das nur drei Monate lang existiert hat? Hier sind sich ehemalige Bewegte und Historiker einig: Weil ohne diesen Kampf nach Freiraum auch die nachfolgenden Zwischennutzungsprojekte nicht denkbar gewesen wären. Nach einigen gescheiterten Versuchen, ein neues AJZ zu gründen, entstand 1986 ein ähnliches Projekt in der Alten Stadtgärtnerei. Es war, wie die ehemals «Bewegte» Christine Haller sagt: «das Produkt, dass wir uns alle gewünscht hatten. Weil es nicht abgefuckt war. Es war etwas Positives.» 1990 folgte der Werkraum Schlotterbeck, zehn Jahre später das nt/Areal und dann der Hafen. Alle Räume, die in Basel seit 1981 temporär für alternative und kreative Lebensformen genutzt werden konnten, stehen in der gleichen Tradition. Der Film endet mit einer Aufnahme des geräumten AJZ, dessen Eingang von Polizisten bewacht wird. Die Kamera schwenkt über die Graffiti an der Fassade des Gebäudes an der Hochstrasse, bevor sie sich immer weiter entfernt.

Nachgefragt bei Christine Haller

«Ich wurde durch Räumung und den Wegfall des AJZ politisiert»

Können Sie sich noch an den Moment erinnern, an dem Sie zum ersten Mal das Autonome Jugendzentrum (AJZ) an der Hochstrasse besuchten?

Christine Haller: Ich kann mich noch gut erinnern. Ich war damals 16 Jahre alt und Schülerin im Gymnasium. Ein Freund aus meiner Klasse hat mich an einem Samstagabend mitgenommen. Ich bin reingelaufen und dachte: «Wow, das ist es jetzt!» Es war eine gleichzeitig tolle, aber auch etwas erschreckende Szene. Im Innenhof gab es ein Feuer und eine Menge wilder Leute sass darum herum. Es hat mir gefallen. Von diesem Moment an ging ich auch alleine hin und habe in den nächsten Monaten fast meine ganze Freizeit im AJZ verbracht.

Gab es an diesem ersten Abend, an dem Sie da waren, ein Konzert?

Es lief immer Musik, meistens Punk. Ab und zu gab es spezielle Konzerte, aber soweit ich mich erinnere, war das meistens nicht so organisiert. Man ist einfach hin und es war immer etwas los. Das Gebäude hatte mehrere Stockwerke und es gab so viele Räume, dass jede Gruppe ein Zimmer für sich haben konnte. Und natürlich die Beiz.

Was war das für eine Beiz?

Die haben wir auch Volksküche genannt. Es war ein sehr wichtiger Ort, der immer gut besucht war. In einem grossen Raum hatte es ein Buffet, wo fast den ganzen Tag lang gekocht und gegessen wurde. Meine Mutter war auch ab und zu da und hat geholfen.

Ein Fixerzimmer hatte es auch?
Ja. Das war ein wichtiger Raum. Ich denke, es kann als Vorläufer von
Fixerstübli und Substitutionsangeboten, die erst zehn Jahre später umgesetzt wurden, gesehen werden.

Wie viele Leute waren an einem Samstagabend im AJZ?

Hunderte. Es war jeweils brechend voll am Wochenende. An dem Morgen, an dem sie das AJZ geräumt haben, waren es ja schon alleine 140. Und viele davon waren Leute, die fest da geschlafen haben. Ich bin meistens nach Hause.


Was hat Sie fasziniert an diesem Ort und an den Menschen?

Ich merkte, dass diese Szene ehrlich ist. Was ich vorher kannte, vor allem die Schule, erschien mir nicht ehrlich. Das hatte kein Herz. Mit 16 bist du nicht politisch. Du machst dort mit, wo das Herz ist. Mir gefiel diese Mischung aus verschiedenen Leuten. Es waren solche darunter, die eine Lehre machten und viele, die aus ganz anderen Verhältnissen kamen. Ich kam zwar auch nicht aus einer reichen Familie, meine Mutter war alleinerziehend. Aber trotzdem wurde mir meine privilegierte Position als Gymnasiastin bewusst.

Christine Haller 1964 geboren, lebte 20 Jahre in den USA, war als Krankenpflegerin im Einsatz. Sie wohnt in Kleinhüningen, arbeitet bei der Stiftung Sucht als therapeutische Mitarbeiterin.

Christine Haller 1964 geboren, lebte 20 Jahre in den USA, war als Krankenpflegerin im Einsatz. Sie wohnt in Kleinhüningen, arbeitet bei der Stiftung Sucht als therapeutische Mitarbeiterin.

zVg

Wer hat den Ton angegeben im AJZ? Gab es Leute, die mehr zu sagen hatten als andere?

Ja, natürlich gab es das. Auch im AJZ hat die Machokultur existiert. Geredet haben meistens Männer. Und die Frauen, die sich getraut haben, etwas zu sagen, waren «Alphatiere». In dieser Zeit kam ich erstmals mit Feminismus in Berührung. An den Vollversammlungen (VV) auf dem Petersplatz kamen hingegen ganz unterschiedliche Personen zu Wort.

Waren Sie bei der Räumung des AJZ am 5. Mai auch dabei?

Ja. An dem Tag, an dem das AJZ geräumt wurde, war ich in der Schule. Als ich gehört habe, dass die Polizei bei der Hochstrasse ist, bin ich aufgestanden und hingerannt. Kurz vorher, bei der Brücke beim Bahnhof, hat mich die Polizei aufgegriffen und mitgenommen. Sie haben damals extra das alte Gefängnis Schällemätteli wieder aufgemacht. Da haben sie dann 140 randalierende junge Menschen eingesperrt und die Kontrolle verloren. Ein Polizist hat mich damals fast totgeprügelt. Das war der letzte Schritt, wo ich merkte, jetzt gibt es kein Zurück mehr. Ich wurde durch die Räumung und durch den Wegfall des AJZ politisiert.

Was war das Schönste in dieser AJZ-Zeit?

Es war eine neue Welt. Es war brachial. Und die soziale Durchmischung war faszinierend.

… und das Schlimmste?

Die Verelendung, die Drogen. In dieser eigentlich sehr kurzen Zeit des AJZ hat man schon mitgekriegt, wie es in dieser Hinsicht immer stärker bergab ging. Mein erster Freund war ein Junkie, an ihm konnte ich das mitansehen. Er ist 1982 gestorben.

Haben Sie heute noch Kontakt mit Leuten von damals?

Ja, mit vielen. Einige wohnen heute in der Genossenschaft an der Klybeckstrasse. Das sind zum Teil auch Leute, die später in der Stadtgärtnerei engagiert waren. Einige ehemalige Bewegte arbeiten heute im sozialen Bereich. Aber viele sind auch gestorben.

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